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Literaturgeschichte : Mütterliche Vorwürfe konterte er mit Geschichten

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Briefe in die Heimat: Schneur verließ die Eltern, um dem Schreiben nachzugehen. Bild: dpa

Ein exemplarischer Fall für jene, die ihre Eltern in der alten Heimat zurückließen: Was den jiddischen Schriftsteller Salman Schneur zum Schreiben treibt.

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          Im Mai 2018 flog Lilah Nethanel von Tel Aviv nach Madrid, weil dort die Flamencotänzerin Laura Toledo hochbetagt verstorben war und ihr zwei Kisten hinterlassen hatte. Nur einmal, im Sommer 2016, waren die beiden Frauen sich begegnet, als Toledo zum letzten Mal Israel besucht hatte. „Ich erinnere mich, wie ich in der Lobby auf sie wartete und dass ich sie, als sie aus dem Aufzug trat, sofort erkannte. Sie sah ihrem Vater ähnlich, ja sie sah genauso aus wie er.“ Dieser Vater, der Schriftsteller Salman Schneur, war damals schon seit fast sechzig Jahren tot und seine Tochter nun sechsundachtzig Jahre alt.

          Doch der Anblick des verfallenden Körpers der alten Dame kann den Gedankenflug der Beobachterin nicht bremsen: „Schon damals hatte ich eine Art intime Nähe zu ihm verspürt. Ich war seinen Worten nah, dem Weg, den er in der Sprache gegangen war. Zehn-, vielleicht hundertmal hatte ich Foto­grafien von ihm betrachtet. Ich kannte die Kontur seines Gesichts sehr genau; ein läng­liches Profil, das eine gewisse Unbeugsamkeit verriet. Laura war ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Leider ist diese Mischung von emotionaler Projektion und gedanklicher Ungenauigkeit bezeichnend für das leider oft etwas schwafelige (doch von Gundula Schiffer sehr lebendig übersetzte) Buch „Hebräische Schreibkultur in Europa“. Allerdings bietet es auch imaginative Höhenflüge von mitreißender Intensität und Empathie, für die sich die Lektüre lohnt.

          Lilah Nethanel, geboren 1979 in Israel, studierte Literatur zuerst in Paris, dann in Haifa und promovierte dort über den Schriftsteller David Vogel (1891 bis 1944). Sie entdeckte das Manuskript seines Romans „Eine Wiener Romanze“ und schrieb selbst vier hochgelobte Romane. Als sie sich mit Toledo traf, arbeitete sie an einem Buch über Salman Schneur, einen der bedeutendsten he­bräischen Lyriker seiner Generation und einen ungemein populären jiddischen Romancier – derart populär, dass er von 1925 an in einem stattlichen Haus in Paris leben konnte.

          Woanders modern und intellektuell werden

          In den beiden Kisten, die Nethanel 2018 in Empfang nahm, befanden sich auch französische Briefe der Tochter an ihren Vater, jiddische Briefe der Mutter von Schneur an den Sohn und banale höfliche deutsche Briefe Schneurs an eine verheiratete junge Frau in Berlin. Da die Briefe für eine Edition wohl zu wenig hergaben, entschloss sich Nethanel, in drei Essays die emotionale Anspannung zu rekonstruieren, unter der Schneur wie viele andere jüdische Schriftsteller, die die Kleinstädte Osteuropas verließen, zeitlebens litt.

          Schneur wurde 1887 in Schklow (Belarus) geboren. Mit dreizehn Jahren entlief er nach Odessa, dem Zentrum der modernen hebräischen Dichtung. Dort nahmen Joseph Klausner, ein Großonkel von Amos Oz, und der Dichter Chaim Nachman Bialik den blutjungen Dichter unter ihre Fittiche. Später schlug er sich mit Redaktionsarbeit in Warschau durch. Von 1906 an studierte er in Bern, seit 1908 in Paris. Den Ersten Weltkrieg verbrachte er in Berlin unter Hausarrest. Dort veröffentlichte er zwischen 1920 und 1923 bibliophile Aus­gaben seiner hebräischen Lyrik. Er heiratete 1924 und zog 1925 nach Paris, in die Hauptstadt der Moderne, wo er sich erstaunlicherweise zum jiddischen Schriftsteller wandelte, der in einem gi­gantischen roman fleuve akribisch und witzig die psycho­logisch komplexe Welt seines Heimatorts Schklow porträtierte. Leider ist bislang nur ein Bruchteil dieses aus vielen Novellen bestehenden Meisterwerks auf Deutsch erschienen („Noah Pandre“, 1936).

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