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: Der Ufo-Unfall war gestellt

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Eduardo Mendoza gehört zu den Schriftstellern, die eigentlich alles können. In "Das Geheimnis der falschen Krypta" hat er die köstliche und urkomische Geschichte eines jugendlichen Gangsters erzählt und in "Das Jahr der Sintflut" die sehr anrührende und gar nicht komische einer Nonne, die sich verliebt, beides gleichermaßen brillant und virtuos.

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          Eduardo Mendoza gehört zu den Schriftstellern, die eigentlich alles können. In "Das Geheimnis der falschen Krypta" hat er die köstliche und urkomische Geschichte eines jugendlichen Gangsters erzählt und in "Das Jahr der Sintflut" die sehr anrührende und gar nicht komische einer Nonne, die sich verliebt, beides gleichermaßen brillant und virtuos. Virtuosität gerät leicht in den Verdacht, nicht ernsthaft zu sein. Nun ist Mendoza zwar ein Autor mit einer großen Begabung fürs Grelle. Das aber ist nur der kräftige Farbauftrag, der die grundsätzliche tragische Auffassung des Lebens übertüncht. Darin gleicht er seinem Landsmann Pedro Almodóvar.

          Nirgends wird das deutlicher als in seinem opus magnum, "Die Stadt der Wunder", das Suhrkamp dankenswerterweise gerade in einer Neuausgabe herausgebracht hat. Denn "Die Stadt der Wunder" ist auch ein Buch der Wunder. Es ist eine Geschichte Barcelonas, eine Geschichte der Moderne von 1888 bis 1929, eine spanische und europäische Geschichte des gleichen Zeitraums, eine Geschichte des Kapitalismus, eine Parabel über das Verhältnis von Stadt und Land und der Roman vom Aufstieg und Fall (oder eher vom Verschwinden) des armen Jungen vom Land, der schließlich der reichste Mann Spaniens wird: ein Al Capone von europäischem Zuschnitt und deshalb auch mit entsprechender mythologischer Tiefe. Es versteht sich, dass Mendozas Buch dies alles zugleich ist: und noch viel mehr, denn schließlich handelt es auch vom Verrat und von der Liebe, von der Melancholie der Macht und des Erfolgs, vom Lebensüberdruss und der Vergeblichkeit.

          Onofre Bouvila heißt der Junge aus der Provinz, der 1887 als Dreizehnjähriger nach Barcelona kommt, dort zuerst für Geld auf dem Gelände der kommenden Weltausstellung anarchistische Pamphlete verteilt und dann, schon als Kleinkapitalist, ein Haarwuchsmittel verkauft. Damit beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg zum Geschäftsmann, der eines Tages Politiker finanzieren wird. Mit der Weltausstellung 1888 beginnt der Roman, mit derjenigen von 1929, ebenfalls in Barcelona, endet er: vom Aufbruch in die Moderne (die Elektrizität, das frühe Kino, die ersten Automobile und Flugmaschinen sind durchaus Protagonisten) bis zum Vorabend der Weltwirtschaftskrise führt er.

          Als der Schwarze Freitag in New York kommt, ist aber Onofre Bouvila schon zusammen mit seiner Geliebten in einem neuartigen Flugobjekt, gewissermaßen einem Ufo, ins Meer gestürzt. Da man aber nirgends Spuren findet, entsteht auch das Gerücht, "dass nämlich Onofre Bouvila in Wirklichkeit gar nicht gestorben und der Unfall nur simuliert worden sei und dass er jetzt komfortabel eingerichtet an irgendeinem abgelegenen Ort in Gesellschaft María Belltalls lebe, an deren Seite er endlich die wahre Liebe gefunden habe und mit deren Verehrung er sämtliche Tages- und Nachtstunden verbringe". Es bleibt natürlich dem Leser überlassen, sich dieser Version anzuschließen, nach welcher der Held durch die Liebe von seiner Schuld und von seiner Melancholie erlöst wäre. Lesen aber muss man diesen Roman, der unbedingt zum Kanon gehört und der bei all seinen Einfällen und seinem Variantenreichtum nie "aus der Form" gerät.

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