https://www.faz.net/-gr3-pa5d

: Der Teufel ist los

  • Aktualisiert am

Die Welt ist längst aus den Fugen, aber jetzt stimmt es auch mit der Ober- und Unterwelt nicht mehr. Dies ist die Quintessenz des verteufelt klugen Romans von Lars Gustafsson: Gott hat entweder die Güte oder die Allmacht verloren; selbst auf die Evolution ist kein Verlaß. Himmel und Hölle, Gott und ...

          Die Welt ist längst aus den Fugen, aber jetzt stimmt es auch mit der Ober- und Unterwelt nicht mehr. Dies ist die Quintessenz des verteufelt klugen Romans von Lars Gustafsson: Gott hat entweder die Güte oder die Allmacht verloren; selbst auf die Evolution ist kein Verlaß. Himmel und Hölle, Gott und Teufel sind wie ausgetauscht; zwischen "natürlich" und "unnatürlich" ist schwer oder gar nicht mehr zu unterscheiden. Gegen das Böse Partei zu ergreifen ist ein Vorurteil wie die Verurteilung der Homosexuellen. Atheisten stellen sich in den Dienst des Satans.

          So tritt der Spezialist für Neuere Philosophiegeschichte, Herr Doktor Spencer C. Spencer, als Assistent in den Dienst des "Dekans". Dieser Dekan ist ein überaus effizienter Hochschulverwalter der Universität von Texas in Austin, ein umtriebiges Genie der Administration. Im Vietnam-Krieg verwundet, ist er an einen Rollstuhl gebunden. Aber das hindert ihn nicht, überall zur Stelle zu sein und seinen Willen durchzusetzen. Doch irgend etwas stimmt mit ihm nicht. Er verschwindet plötzlich; er taucht überraschend auf; man sah ihn schon in irgendeinem Schlafzimmer als schwarzen Wolf. Plötzlich fangen in seiner Umgebung alle an zu hinken; Fliegenpilze schießen hoch; Gegenspieler versinken ins Nichts.

          Schon das Wort "Dekan" läßt Befürchtungen aufkommen. Heute klingt das Wort arglos: Ein "Dekan" ist der gewählte Vertreter einer Universitätsfakultät; so wird das Wort zunächst auch im Roman gebraucht. Der Titel stammt aus der spätrömischen Militärverfassung und bedeutete Befehlsgewalt über zehn Soldaten. Zuerst übernahmen Klöster, dann Bistümer, zuletzt Universitäten die Rangbezeichnung. In unserem Bildungsbewußtsein ist der Zusammenhang von spätantiker und christlich-mittelalterlicher Kultur mit der antiken Astrologie so sehr verblaßt, daß nicht einmal die angesehensten Nachschlagewerke darüber informieren, daß "Dekan" ursprünglich in die Astrologie gehört. Die Ägypter teilten die Nacht in zwölf Abschnitte ein, alle zehn Tage wechselte der Sternenherrscher, der "Dekan", der über die Himmelsordnung wachte. Ein "Dekan" ist einer der nächtlichen Regenten des Himmels.

          Damit kommen wir dem mächtigen Rollstuhlfahrer schon näher: Er ist die reale Macht des Bösen. Sein philosophisch durchtriebener schwedischer Erfinder, der selbst an der Universität von Texas gelehrt hat, zeichnet mit klaren, knappen Strichen die Ungewißheiten und Doppeldeutigkeiten, die ein dämonisch vergrößerter Verwaltungschef auslösen kann. Er läßt den naiven Philosophiehistoriker Spencer bei ihm eine Stelle finden, und der begreift allmählich, worauf er sich eingelassen hat. Und dann verliebt sich Spencer auch noch in eine ehemalige Schülerin, muß diese aber mit einem Konkurrenten teilen. Mordgelüste kommen auf; der "Dekan" ist erbötig zu helfen. Spencer verspricht dafür, zugunsten des Dekans eine alte Rechnung zu begleichen. Ein Verrat ist zu ahnden. So wird dieser Teufelsroman mehr als eine Meditation über die Macht des Bösen; er wird spannend unterfaßt durch sex and crime. Der Leser weiß nie genau, was wirklich passiert und was halluziniert wird: Jedenfalls steht die Unterwelt offen. Der Teufel ist los.

          Das Buch handelt von Machtgelüsten und Eifersucht. Der Dekan ist Kriegsinvalide; das macht die Bosheit begreiflich; alle Schrecken des Vietnam-Kriegs kommen hoch. "Der Dekan" gibt sich als Campusroman, als virtuelle Kriminalgeschichte, ist aber eine elegante Fragmentensammlung über langanhaltende seelische Folgen der Kriegserfahrung, verfaßt anno 2002, zwischen Vietnam und Irak, von einem hervorragenden Kenner der Vereinigten Staaten. Es ist ein Werk der kalten Verzweiflung: Die größten Verbrechen, vor allem das industrielle Morden, bleiben unbestraft.

          Gustafsson kommt ohne Kollektivschuldlamento aus: Er zeichnet in knappen Strichen den Betrieb in einem Dekanatssekretariat, das Glück und die Qualen eines verliebten Dozenten, die Landschaft am Rand der Wüste, wohin sich Spencer zurückgezogen hat, um seine zweijährige Erfahrung zu Papier zu bringen. Wasserschäden unterbrechen immer wieder das Manuskript, das nach seinem Verschwinden gefunden wurde. Reizvolle Effekte ergeben sich, denn seine Geliebte ist dabei, eine philosophische Erzählung zum Thema "Teufelspakt" zu schreiben: Der glücklose Trainer einer Fußballmannschaft beschließt, dem Teufel für einige Tore seine Seele zu vermachen. Für Rudi Völler kommt der Ratschlag zu spät, aber für den Leser ergibt das Ineinander der Erfahrungen des Doktor Faustus, des glücklosen Trainers und des Dekans ein reiches Spielfeld literarischer Assoziationen.

          Das Erscheinen solcher Satansbücher scheint an unserem Weltzustand zu liegen. Es sieht so aus, als sei das Nichts etwas, als sei die Unnatur Natur. Poeten sinnieren über das Nichts, das Vakuum, die Null. Harry Mulisch hat in seinem "Siegfried" die Unerklärlichkeit Hitlers mit der Macht des Nichts erklärt. Der real existierende Nihilismus drückt sich ebenso in der Unmöglichkeit aus, Macht nach moralischen Kategorien zu bewerten, wie in der Albernheit, diese Nachricht "komisch" zu finden. Vielleicht ist es am Ende wirklich komisch, wenn der Eifersüchtige folgenden Rat erhält: "Serviere dem Rivalen den Urin der Geliebten im Morgenkaffee. Tu der treulosen Geliebten eine tote Ratte in den Geflügelsalat, säuberlich zerlegt und geschnitten." Wenn ein hochbegabter Autor über todernste Dinge so witzig schreibt, macht selbst die Bosheit des Bösen Spaß.

          Lars Gustafsson: "Der Dekan". Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Verena Reichel. Hanser Verlag, München 2004. 189 S., geb., 17,90 [Euro].

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.