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: Der Surfer war der Gärtner

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Amerikanische Familienromane erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit, und damit auch jeder gleich auf den ersten Blick merkt, daß Matthew Sharpes Buch in diese Kategorie gehört, hat der Verlag der deutschen Übersetzung den denkbar unoriginellen Titel "Eine amerikanische Familie" verpaßt. Zudem wird ...

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          Amerikanische Familienromane erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit, und damit auch jeder gleich auf den ersten Blick merkt, daß Matthew Sharpes Buch in diese Kategorie gehört, hat der Verlag der deutschen Übersetzung den denkbar unoriginellen Titel "Eine amerikanische Familie" verpaßt. Zudem wird noch das Urteil von Sharpes Kollegen DBC Pierre übermittelt, der Autor treffe "das heutige Amerika mitten ins bittersüße Mark". Nun sind aber die Vereinigten Staaten heute ein Land, das sich selbst als zutiefst kulturell gespalten empfindet; und so kann auch dieser Roman höchstens für einen Teil des Landes charakteristisch sein, und zwar für den kleineren.

          Die Familie Schwartz, die wir in diesem Buch kennenlernen und einige Monate lang begleiten, ist eine zumindest halbintellektuelle, säkulare jüdische Familie aus der gehobenen Mittelschicht. Religiosität existiert nur als spätpubertäre Sinnsuche der Tochter, die Neigungen zum Katholizismus entwickelt. Der Vater lebt mit seinen beiden Kindern im liberalen Nordosten, in Bellwether (zu deutsch: "Leithammel"), einer fiktiven, relativ wohlhabenden kleinen Vorstadt von einer nicht sehr großen Industriestadt. Die Mutter ist nach der Scheidung nach Nordkalifornien gezogen, um in Berkeley ihr einstmals unterbrochenes Jurastudium zu vollenden, und lebt nun als Anwältin in der Nähe von San Francisco. Bernard Schwartz ist ein Mann in den Vierzigern, der am heimischen Computer "erstklassige Pressemitteilungen für mehr oder weniger professionelle Organisationen" verfaßt. Das Hauptaugenmerk des Romans gilt seinem siebzehnjährigen Sohn Chris. Spätestens als dieser über den "Fänger im Roggen" herzieht, ist klar, daß auch "Eine amerikanische Familie" nicht zuletzt eine Adoleszenz-Geschichte ist, deren Struktur sich aber von J. D. Salinger stark unterscheidet. Mit der jüngeren Schwester Cathy gibt es eine weitere Hauptperson im Teenageralter. Stets wird in der dritten Person erzählt, wobei die Erzählsituation oft in jenen Grenzbereich zwischen auktorialem und personalem Erzählen hineingestanzelt ist, in dem sich nicht klar ausmachen läßt, ob ein Kommentar vom Erzähler oder der gerade in seinem Blickfeld befindlichen Person stammt.

          Gleich zu Beginn erleidet Bernard Schwartz einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Nach seinem Erwachen findet er sich "auf der geistigen Ebene eines pfiffigen Vierjährigen" wieder. Chris versucht nun, allerdings mit nicht immer tauglichen Mitteln, den Vater wieder an das Erwachsenenleben heranzuführen, in welches er selbst sich gerade hineinzufinden bemüht.

          Eine Stärke des Romans besteht in Szenen von beträchtlicher Komik, die nicht selten einen Stich ins Makabre haben, aber zugleich auch recht anrührend sein können. So erscheint zum Beispiel Cathy auf einem Halloween-Kostümfest im selbstgenähten Karmeliterinnengewand, um auf diese Weise ihr Idol, die vom Judentum zum Katholizismus übergetretene, in Auschwitz ermordete Edith Stein, darzustellen. Das klingt geschmackloser, als es im Romanzusammenhang wirkt, weil man als Leser weiß, wie subjektiv ernsthaft die unbeholfenen religiösen Bemühungen des Mädchens sind: "Cathy brachte Stunden damit zu, in ihrem Zimmer aus dem Fenster zu starren und sich nach dem Sinn hinter Edith Steins Tod zu fragen."

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