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: Der Schmerz eines Boxers

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Vom Titelblatt des ersten Bandes starrt uns die finstere Miene eines in groben Strichen aquarellierten jungen Mannes an. Eine schwarze Haarsträhne fällt auf die Nasenwurzel, und der flammend rote Hemdkragen setzt das Bild noch vom unteren Rand her in Brand. Ganz oben steht der Titel: "Wut im Bauch".

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          Vom Titelblatt des ersten Bandes starrt uns die finstere Miene eines in groben Strichen aquarellierten jungen Mannes an. Eine schwarze Haarsträhne fällt auf die Nasenwurzel, und der flammend rote Hemdkragen setzt das Bild noch vom unteren Rand her in Brand. Ganz oben steht der Titel: "Wut im Bauch". Man glaubt es diesem Gesicht, das Hervé Barulea gezeichnet hat, sofort, dass ein paar Körperparteien weiter unten Aufruhr herrscht.

          Barulea arbeitet unter dem Pseudonym Baru, und in Frankreich ist der neunundfünfzigjährige Sohn italienischer Einwanderer einer der Großen der bande dessinée, des französischen Comics. Dabei macht Baru, der erst mit fast vierzig Jahren vom Sportlehrer zum Comiczeichner mutierte, im Gegensatz zu seinen Protagonisten keinen Lärm. Er hat dezidierte politische Meinungen, gewiss; er beschwört die moralischen Werte der Arbeiterklasse, erzählt deshalb vor allem Aufsteigergeschichten, die meistens in eine Rückbesinnung auf die Herkunft der Figuren und damit einen gesellschaftlichen Sturz münden, und er kämpft mit seinen Geschichten vehement gegen die französische Rechte. Doch der Zeichner selbst, ein grauhaariger Gentleman, ist kein Mann für die Öffentlichkeit. Er lässt seine Helden für sich sprechen. Und das sind sie wirklich noch, so gebrochen sie auch sein mögen: Helden. So wie Anton Witkowski, der junge Mann auf dem Cover von "Wut im Bauch". Als der erste Band vor zwei Jahren unter dem Titel "L'Enragé" in Frankreich erschien, brachte er Baru einen Verkaufserfolg ein, den er trotz aller Auszeichnungen zuvor noch nicht erlebt hatte.

          Das war berechtigt, denn die Handlung bietet eine Essenz all jener Themen, die der Zeichner sich in zwanzig Jahren erarbeitet hatte: Witkowski ist ein junger Boxer polnischer Abstammung aus der Banlieu, sein Freund und späterer Kritiker Mohamed Meddadi ein junger Nordafrikaner, Vater Witkowski ein verbitterter Frühinvalide und Familientyrann, und natürlich gibt es auch die für Baru typischen Charaktere aus der Halbwelt, die alle seine Boxer-, Jugend- und Reisegeschichten bereichern. Wieder einmal ist ihm das Psychogramm einer Sippschaft geglückt, die den meisten Franzosen nicht weniger exotisch erscheinen dürfte als all die fremden Völker, die Tim und Struppi oder Spirou und Fantasio besucht haben.

          Auch für Deutsche dürfte dieses Spektogramm der Unterklasse befremdlich sein - weil es das typisch Französische, das diversen übersetzten Comics ihren Erfolg garantiert, vermissen lässt. Baru ist deshalb in Deutschland nur sporadisch übersetzt worden, doch für "Wut im Bauch" fand sich ein neuer Verlag: die in Wuppertal beheimatete Edition 52, die ihr früher einmal rein deutsches Comicprogramm seit Jahren kontinuierlich um ausgesuchte amerikanische und europäische Erzähler bereichert. Den ersten Band von "Wut im Bauch" brachte sie schon kurz nach der Originalpublikation in deutscher Übersetzung, und jetzt ist auch zuverlässig der zweite Band erschienen, der selbst in Frankreich erst einige Monate auf dem Markt war.

          Vom Titelblatt starrt uns diesmal die finstere Miene eines in groben Strichen aquarellierten gereiften Mannes an. Der Schädel von Anton Witkowski ist nun kahl rasiert, das Kinn kantiger gezeichnet, und unter dem trotzig nach unten gewölbten Mund sitzt ein pechschwarzer kleiner Kinnbart. Das Hemd ist ganz entfallen, es braucht kein Rot auf diesem Bild, denn Witkowski präsentiert sich in nacktem Zorn.

          Der erste Band endete auf dem Gipfel des Erfolgs: Witkowski ist Boxweltmeister, hat eine italienische Schönheit zur Gespielin und einen Ferrari als feuerrotes Spielmobil. Nun beginnt im zweiten und abschließenden Band der Abstieg, der der Erzählung von Beginn an eingeschrieben war, denn die ersten Seiten hatten den Helden bereits auf der Anklagebank gezeigt. Jetzt erfährt man endlich den Vorwurf: Witkowski soll einen Mann erschossen haben. Und plötzlich kippt die Geschichte im zweiten Band von einer beinahe linear erzählten Boxkarriere in einen Kriminalfall über, der erst mittels vieler Rückblenden und Recherchen zu lösen ist.

          Hier erweist sich der geradlinige Chronist Baru erstmals auch als ein Virtuose des verschlungenen Erzählens; man hat als Leser keine Chance, der Sache selbst auf die Spur zu kommen, doch die Auflösung rechtfertigt die immer ausgefeiltere Dramaturgie des Bandes: Auf mehreren Zeitebenen wird berichtet, mit zahlreichen stummen Seiten, in denen allein die Bilder sprechen, und dann auch wieder mit langen Dialogen im Gerichtssaal.

          Den stark mit Argot und Jargon durchsetzten Originaltext haben Kai Wilksen und Uli Pröfrock teilweise in ein deutsches Kauderwelsch gerettet, das seinen Namen hier verdient und auch angebracht ist. Die korrekte Schreibweise mancher Wörter bleibt da auf der Strecke, um - vor allem bei den jungen Immigranten - einen bestimmten Akzent zu simulieren. Das ist die Crux aller Übersetzungen von Slang: Er ist landesspezifisch und deshalb leicht zu kritisieren. Doch verzichtete man darauf, so beraubte man dem Comic einer wichtigen Sprachebene.

          Viele Schriftelemente, die etwa als Zeitungsschlagzeilen wichtige Bildcharakteristika darstellen, sind dagegen im Original belassen; sie werden dann unter den jeweiligen Panels klein auf Deutsch wiedergegeben. Das ist eine Folge der neuen Arbeitsweise Barus, der mittlerweile viele seiner Hintergründe im Computer gestaltet und dadurch eine Komplexität bei der Bildkomposition erreicht, die nur noch in den Sprechblasen den problemlosen Austausch von übersetzten Texten ermöglicht. So wird ein großartiger Comic zugleich zum Beleg für die Grenzen der Übertragbarkeit von graphischem Erzählen im Zeitalter seiner technischen Überausstattung.

          ANDREAS PLATTHAUS

          Baru: "Wut im Bauch 2". Aus dem Französischen übersetzt von Kai Wilksen und Uli Pröfrock. Edition 52, Wuppertal 2006. 63 S., Abb., br., 18,- [Euro].

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