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: Der Schlaf des Gesetzes

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In den Landkarten gehen sie als "Straßen" durch: kaum sichtbare Spuren, in den Boden gedrückte Profile und Einkerbungen, die der Wind schnell wieder verweht. Man muss darum ganz genau hinschauen, um die feinen Furchen zu erkennen, die einzigen Garanten des richtigen Weges. Besucher können von der feinen Wahrnehmung mongolischer Reiseführer in der Regel nur träumen.

          In den Landkarten gehen sie als "Straßen" durch: kaum sichtbare Spuren, in den Boden gedrückte Profile und Einkerbungen, die der Wind schnell wieder verweht. Man muss darum ganz genau hinschauen, um die feinen Furchen zu erkennen, die einzigen Garanten des richtigen Weges. Besucher können von der feinen Wahrnehmung mongolischer Reiseführer in der Regel nur träumen. Was sie sehen, verstehen sie nicht, und was sie zu verstehen glauben, hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Noch die aufgeklärteste, selbstkritischste Hermeneutik klopft oft vergeblich an die vielen Türen, hinter denen das Fremde sich verschanzt.

          Es gehört zur Kunst des brasilianischen Autors und Journalisten Bernardo Carvalho, das Wissen der modernen Ethnologie um die Beschränkungen der eigenen Einsichtsfähigkeit nicht nur anschaulich in Szene zu setzen, sondern auch als Strukturprinzip des Erzählens selbst zu nutzen, aus der Kluft zwischen Schein und Sein, Wirklichkeit und Deutung eine Spannung zu erzeugen, die sich in seinen Romanen von der ersten bis zur letzten Seite hält. In dem im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Roman "Neun Nächte" folgte Carvalho den Spuren des amerikanischen Ethnologen Buell Halvor Quain, der sich 1939, während seiner Feldforschungen bei den Krahô-Indianern, im Alter von siebenundzwanzig Jahren das Leben nahm; eine schwere Krankheit hatte ihn offenbar befallen. Aber das erklärt noch nicht den Gewaltcharakter seines Todes, die zahllosen Schnittwunden, die er sich zufügte. An den Ufern des Amazonas hatte Quain sich offenbar nicht nur physisch, sondern auch psychisch auf tödliche Weise infiziert.

          In dem nun erschienenen Roman "Mongólia" entfaltet Carvalho die Geschichte eines fiktiven Protagonisten: eines brasilianischen Fotografen, der sich im Auftrag eines großen Magazins auf eine längere Reise durch die Mongolei begibt. Er kehrt zum vorgesehenen Zeitpunkt aber nicht zurück; irgendwann verlieren sich seine Spuren. Ein Beamter an der brasilianischen Botschaft in Peking erhält daraufhin den Auftrag, das Schicksal des Fotografen aufzuklären. Als er kurz nach seiner Rückkehr nach Brasilien stirbt, lässt er nicht nur seine eigenen Reiseaufzeichnungen zurück, sondern auch die des vermissten Fotografen, auf die er während seiner Nachforschungen gestoßen ist. An deren Durchsicht begibt sich nun der ehemalige Vorgesetzte des Diplomaten, der ihn einst beauftragte, nach dem verschollenen Fotografen zu suchen. Die raffiniert ersonnene Ausgangslage ist von hohem Reiz. Denn von Anfang an hat man es mit einem dreistimmigen Text zu tun: den Ausführungen des ehemaligen Vorgesetzten und den Aufzeichnungen aus den beiden Tagebüchern.

          Diese drei Stimmen arrangiert Carvalho zu einer kunstvollen Komposition; er lässt den Eindrücken des einen die der anderen folgen, die sich gegenseitig ergänzen, oft genug aber auch einander widersprechen. Denn die Mongolei ist ein Land mit einer Kultur, mit Verhaltensweisen und Verständigungsmustern, die sich westlicher Logik nicht schnell erschließen. Der "Westler", wie der den Spuren des Fotografen folgende Diplomat von den Einheimischen genannt wird, scheitert daran regelmäßig. Er bringt "keine Geduld mehr auf für die umständliche Art des Führers, sich dem Wesentlichen zu nähern, in kleinen Schritten, es immer wieder umkreisend, ohne es wirklich anzusprechen, eine nach seiner bisherigen Erfahrung übliche Eigenart der Mongolen". Allerdings hat Caravalho historisches Bewusstsein genug, die mongolischen Eigenarten vor dem Hintergrund ihrer Entstehung zu zeichnen: der Ausrufung der Mongolischen Volksrepublik 1924 und des immer stärkeren Einflusses der UdSSR, der in den späten 1930er Jahren zu den "Säuberungen" führte, denen knapp 40 000 Menschen zum Opfer fielen, unter ihnen zahllose Intellektuelle und rund 18 000 buddhistische Mönche. Fast die gesamten Klöster wurden zerstört, ebenso suchte man der traditionell nomadischen Lebensweise der Mongolen ein Ende zu machen.

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