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: Der Schein und das Nichts

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Nach Proust hat sich kein anderer Franzose so obsessiv der Beschwörung der verlorenen Zeit verschrieben wie der 1945 geborene Patrick Modiano. Während bei Proust kleinen Backwaren eine großformatige Belle Époque entspringt, kommen die Schemen der Vergangenheit in Modianos Werken allerdings sehr viel ...

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          Nach Proust hat sich kein anderer Franzose so obsessiv der Beschwörung der verlorenen Zeit verschrieben wie der 1945 geborene Patrick Modiano. Während bei Proust kleinen Backwaren eine großformatige Belle Époque entspringt, kommen die Schemen der Vergangenheit in Modianos Werken allerdings sehr viel widerwilliger ans Licht und sehen auch nicht ganz so hübsch aus.

          Traumatische Grundschicht seiner meist schmalen, aber zahlreichen Romane, die als Variationen eines eingespielten Motiv-Arsenals stets einen hohen Wiedererkennungswert besitzen, ist die Zeit der deutschen Okkupation, wie in der Dokumentarfiktion "Dora Bruder" von 1997, die hierzulande viel beachtet wurde. Aus minimalen biographischen Spuren wird die Existenz einer "Verschwundenen" rekonstruiert, eines jüdischen Mädchens im besetzten Frankreich. Verschwundene Menschen bilden immer wieder das undurchsichtige Zentrum von Modianos Büchern; Paris mit seinen Metro-Eingängen, Plätzen und Café-Tabacs ist der konturenscharf beschriebene Hintergrund für detektivische Suchbewegungen, die den Schreibprozeß und das Verhalten der Erzählerfiguren steuern.

          Eine zweite Zeitschicht sind regelmäßig die späten fünfziger und sechziger Jahre. Hier kommt dann doch Nostalgie ins Spiel; Modianos Beschreibungen lesen sich, als würde die schwebende Melancholie von Miles Davis' Trompete in Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott" immer mitklingen. Im Idealfall werden die beiden Zeitebenen miteinander verschränkt, wie im neuen Roman "Die Kleine Bijou", der zum Schönsten gehört, was Modiano geschrieben hat. Die Titelfigur - ihr eigentlicher Name ist Thérèse - firmiert zugleich als Ich-Erzählerin: ein zartes, sensibles Geschöpf, neunzehn Jahre alt, müde, niedergeschlagen. Ihre Tage gleiten dahin wie das Laufband in der Metro, als würde sie "einen endlosen Korridor entlanggeschubst" - kein sehr tatkräftiges Lebensgefühl.

          Zunehmend fällt sie aus ihrer Gegenwart (etwa 1957) und wird zurückgezogen in die Kriegs- und Nachkriegsjahre, die Jahre ihrer unglücklichen Kindheit. "Alles erschien mir so verworren, von Anfang an." Thérèse ist sich selbst abhanden gekommen. Wenn sie über ihre Schulzeit nachdenkt, fügt sie hinzu: "eine Schule, von der ich gern wüßte, wo genau sie sich befunden hatte". In ihrem Geburtsschein steht "Vater unbekannt", und auch von der Mutter ist ihr nicht viel mehr geblieben als eine Keksdose mit Fotos und Dokumenten und eine Reihe unguter Erinnerungen. Thérèse wurde von ihr als Siebenjährige zurückgelassen. Die Mutter ging nach Marokko, und irgendwann hieß es, sie sei dort gestorben.

          Wie schon in anderen Büchern Modianos setzt eine zufällige Begegnung in der Metro die Erinnerungskrise in Gang. Thérèse beobachtet eine ältere Frau in einem gelben Mantel - und nimmt irritiert eine große Ähnlichkeit mit der Mutter wahr. So müßte sie jetzt aussehen. Was, wenn sie noch lebt und nach Paris zurückgekehrt ist? Die Frau im gelben Mantel wird so zur Führerin in den Hades der Vergangenheit.

          Für Thérèse beginnt ein albtraumhaftes Irren durch die Stadt, sie phantasiert Gespräche mit der Fremden, verfolgt sie und fragt schließlich die Concierge nach ihr aus. Sie erfährt, daß die Frau im Viertel den mysteriösen Spitznamen "Täusche-den-Tod" hat. Die zweihundert Franc, die sie der Concierge angeblich schuldet, begleicht Thérèse stillschweigend - aus totalem Mangel an Selbstbewußtsein oder weil es sich eben so gehört, daß man die Schulden der Mutter bezahlt. Eine Panikattacke zurückhaltend, schafft sie es bis an die Türschwelle von "Täusche-den-Tod"; zu klingeln wagt sie nicht.

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