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: Der Schein und das Nichts

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Fragmente der verdrängten Kindheit flottieren durch ihre verstörte Psyche. Thérèses Mutter war eine gescheiterte Tänzerin und Schauspielerin mit dem affektierten Künstlernamen "Comtesse Sonia o' Dauyé". Sie hatte zeitweilig den Ehrgeiz, aus der Tochter ein Wunderkind zu machen, und brachte die Siebenjährige als "Die Kleine Bijou" in einem Film unter. Thérèse sieht sich im Rückblick als "armseliges kleines Zirkusgeschöpf". Der Aufbruch nach Marokko bleibt indes ebenso rätselhaft wie der damalige Spitzname der Mutter: "la boche". Es ist, was Thérèse nicht weiß, auch der höhnische Spitzname, den bei Proust der homosexuelle Baron de Charlus verpaßt bekommt, weil er während des Krieges aus seinen Sympathien für Deutschland keinen Hehl macht. Hat sich auch Thérèses Mutter mit Deutschen eingelassen? Mehr als Andeutungen sind nicht zu haben. Es ist Modianos Kunst, die Dinge in einer suggestiven Unschärfe zu belassen.

Bei allem Trübsinn der frühen Jahre: Es gibt in diesem Roman zwei Menschen, die Thérèses Einsamkeit aufhellen und ihr fortwährend gut zureden, was einen gewissen Anflug von Humor besitzt. Als sie nach dem Beinahe-Besuch bei "Täusche-den-Tod" in den dunklen Straßen umherirrt, nimmt sich ihrer eine sanftmütige und charakterfeste junge Apothekerin an. Die andere Zufallsbekanntschaft - solche spielen bei Modiano immer eine wichtige Rolle - ist der Übersetzer Moreau-Badmaev, der zwanzig exotische Fremdsprachen beherrscht. Ein Mann also, wie geschaffen fürs Verständnis. "Man muß einen Fixpunkt finden, damit man im Leben nicht so endlos dahintreibt . . ." Das ist gewiß ein banaler Satz, der aber sehr zärtlich klingt, wenn Moreau-Badmaev ihn zu Thérèse spricht. Mit diesen beiden Figuren, dem Übersetzer und der Apothekerin, gelingen Modiano Schattierungen des Zwischenmenschlichen, wie man sie nicht oft in Romanen findet: eine behutsame Zuwendung, die in ihrer Ungreifbarkeit schwerer darzustellen ist als jene zupackende Leidenschaft, die üblicherweise Romanhandlungen vorantreibt.

Thérèses einzige Beschäftigung besteht darin, daß sie an manchen Tagen ein kleines Kind hütet. Es gehört zu den kunstvollen und ein wenig paranoiden Spiegelungen des Textes, daß dieses Kind eine Wiedergängerin der "Kleinen Bijou" ist, ein allein gelassenes Mädchen in einer großen Wohnung fast ohne Möbel. Die reichen Eltern wirken bei aller unnahbaren Freundlichkeit zwielichtig. Sie haben merkwürdig glatte Gesichter, "wie man sie manchmal an Kriminellen sieht, die lange Zeit ungestraft geblieben sind". Die Stimme der Frau wirkt auf Thérèse "wie synchronisiert". Nie war Modiano, der Spezialist für den gedämpften Kammerton, so nah am Psychothriller. Die Atmosphäre eines frühen Polanski-Filmes wie "Ekel" - das ist beinahe auch die Atmosphäre dieses Romans.

Manches ist dabei vielleicht ein wenig plakativ geraten. Das Kabarett mit dem düsteren Eingang, an dem Thérèse auf ihrem Heimweg immer vorbeimuß, heißt "Das Nichts". Ein Stück Zeitkolorit, gewiß; andererseits hätte man auch ohne diesen Wink mit dem existentialistischen Zaunpfahl verstanden, daß an Thérèses Seele das Nichts saugt. Nach einem Selbstmordversuch findet sie am Ende zwischen Glaskästen mit Frühgeburten zurück ins Leben; im Krankenhaus, heißt es, sei sonst nirgendwo Platz gewesen. Hier werden der therapeutische Handlungsbogen und die Symbolik ein bißchen überspannt; hier kommt Modiano in die Nähe von Trauma-Kunstgewerbe.

Aber dieser Einwand gegen die letzte Seite schmälert nicht den Lektüregenuß, an dem die Übersetzung von Peter Handke mit ihren manchmal etwas eigenwilligen, aber der Genauigkeit verpflichteten und zugleich poetischen Formulierungen viel Anteil hat. So kann der leise, eindringliche Ton Modianos, der Schönheit und Schrecken auf einzigartige Weise verbindet, auch deutsche Leser in den Bann ziehen. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte ihn mit diesem kleinen Juwel kennenlernen.

WOLFGANG SCHNEIDER

Patrick Modiano: "Die Kleine Bijou". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Peter Handke. Hanser Verlag, München 2003. 150 S., geb., 14,90 [Euro].

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