https://www.faz.net/-gr3-933z6

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ : Und läuft und läuft und läuft

  • -Aktualisiert am

Der „Führer“ und die Filmregisseurin: Hitler und Riefenstahl auf einer undatierten Aufnahme Bild: Picture-Alliance

Finis Germaniae: Peter Keglevics hat einen Pikaro-Roman über die letzten Tage des Nationalsozialismus geschrieben. Der reichlich vorhandene Klamauk unterminiert geradezu jede tiefere Bedeutung.

          4 Min.

          Am Ende steht in Deutschland immer Er. Man kann es auch umdrehen: Ohne Hitler ist nichts wirklich zu Ende. So müssen wir abermals hinab in den Führerbunker, der hier – Walter Moers zuliebe – einmal „Bonker“ genannt wird. Man nehme noch Charlie Chaplin, Mel Brooks, Gerhard Polt, Helge Schneider und Timur Vermes hinzu: Peter Keglevic, ein anerkannter Fernsehfilmregisseur, der von redaktionell gleichgeschalteten Fernsehfilmen erklärtermaßen die Nase voll hat, reiht sich mit seiner grandios irrsinnigen, in den Details verlässlich recherchierten Schelmenerzählung, die all die Chauffeurs- und Sekretärinnen-Erinnerungen aufs Korn nimmt, ins Partisanencorps der grobianischen Hitler-Persiflierer ein.

          Das ist aber bereits das erste Problem dieser zentnerschweren Romanbombe: An die starken Vorgänger reicht ihr Witz nur selten heran. Lustig à la Moers immerhin ist es, wenn die Hauptfigur, als sie schließlich am Ziel angelangt ist, den „Gröfaz“ zuerst übersieht, denn der hockt zusammengefallen im Sessel, „als läge da eine alte Hundedecke“. Finis Germaniae.

          Die Hauptidee ist hübsch kurios. Angelehnt an diverse Volksläufe „zu Ehren des Führers“, imaginiert der Autor einen Tausend-Kilometer-Lauf, der noch im Frühjahr 1945 durch das zusammenbrechende „Reich“ führt. Vermarktet als Triumph des Durchhaltewillens wird dieser Ruinenparcours medial-propagandistisch durch den „Völkischen Beobachter“ sowie die Reichsfilmregisseurin höchstselbst begleitet, was Anlass bietet für zahllose Scherze sowie Verbeugungen vor Leni Riefenstahls künstlerisch-technischem Talent. Als ihr Lakai agiert übrigens „Hajott“ Syberberg, wobei mit den Daten etwas freihändig umgegangen wurde: Der echte Hans-Jürgen Syberberg, nachmals Regisseur des umstrittenen „Hitler“-Mehrteilers, war zu diesem Zeitpunkt erst neun Jahre alt. Aber es ist ja ein Roman.

          Eine clowneske, teils auch liebenswürdige Gurkentruppe

          Dramaturgisch ist die Konstruktion apart, vollzieht der Leser so doch im Moment der Niederlage von Berchtesgaden aus, wo Adolf Hitler von 1923 an regelmäßig gastierte, über seine Geburtsstadt Braunau, die „Führerstadt“ Nürnberg, Wagners Bayreuth, Dresden und Potsdam bis nach Berlin noch einmal den Aufstieg des Nationalsozialismus nach, und zwar als groteske Reise ins Herz der Finsternis, die den realen Menschenströmen dieser Tage – nur raus aus Berlin, nur weg von der Verantwortung – diametral zuwiderläuft. Der Sieger darf am 20. April dem „Führer“ persönlich zum Geburtstag gratulieren, während dem Zweitplazierten eine BMW-Beiwagenmaschine winkt, was dazu führt, dass niemand das Rennen gewinnen möchte. Ideologie zieht hier längst nicht mehr.

          Erzählt ist der Roman in Ich-Perspektive von seinem jüdischen Protagonisten, dessen tragische Lebensgeschichte mittels vieler Rückblenden nachgereicht wird. Nach der Auslöschung seiner Familie entwischte Harry Freudenthal mit Hilfe eines Zahnarzt-Netzwerks den Häschern des Regimes und verbarg sich zuletzt in Wien, wo er einige Heldentaten im Widerstand vollbrachte. Abermals fliehend – diesmal mit einem Pilgerpass –, wurde er bei Berchtesgaden aufgegriffen, aber anders als seine abgeschlachteten Mitpilger von Leni Riefenstahl, die sich an sein zufällig im „Olympia“-Film auftauchendes Gesicht erinnert („Ich stand genau hinter dem Streckenreporter“), für die Teilnahme am Führerlauf rekrutiert. Von nun an ist er Teil einer clownesken, teils auch liebenswürdigen Gurkentruppe, die sich als viel weniger heldenhaft erweist, als der erste Eindruck vermuten lässt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zwei Stürmer, drei Treffer: Bas Dost hat den zweifachen Torschützen Goncalo Paciencia im Griff.

          3:0 gegen Leverkusen : Die Eintracht begeistert wieder

          In einer mitreißenden Partie bezwingen die Frankfurter Leverkusen 3:0. Die Tore erzielen Paciencia und Dost. Rönnow hält den Sieg fest. Bayer verpasst die Tabellenführung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.