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: Der pfeifende Atem der Firma

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In diesem Jahr erreicht der Schriftsteller Bernd Schirmer das Pensionsalter, doch statt sich die Höhe seiner Bezüge ausrechnen zu lassen, legt er nach über zehn Jahren Pause wieder einen Roman vor, einen typischen Schirmer. Er ist leicht, witzig, überdreht bis weit über die Grenzen der Kolportage ...

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          In diesem Jahr erreicht der Schriftsteller Bernd Schirmer das Pensionsalter, doch statt sich die Höhe seiner Bezüge ausrechnen zu lassen, legt er nach über zehn Jahren Pause wieder einen Roman vor, einen typischen Schirmer. Er ist leicht, witzig, überdreht bis weit über die Grenzen der Kolportage und des Kalauerns hinaus und am Ende doch genauso tiefgründig und traurig wie der in der Wendezeit geschriebene Roman "Cahlenberg". Der spielte in den eingefrorenen letzten DDR-Jahren, wurde 1989 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gelobt und erschien 1994. Einen Roman zur Revolution von 1989 erwartete von Schirmer seltsamerweise niemand mehr, dabei hatte er schon 1992 einen wunderbar komischen Wenderoman, "Schlehweins Giraffe", publiziert, sogar in einem echten "West-Verlag" wie Eichborn. Sein Geld verdient Schirmer seither als Drehbuchautor, offenbar erfolgreich: Der "Landarzt" im ZDF und "Viel Spaß mit meiner Frau" bei Sat.1 entstanden mit ihm.

          Aber so war es im Grunde auch in der DDR gewesen; der Germanist und Anglist Schirmer arbeitete als Hörspieldramaturg, übersetzte, schrieb Reiseberichte, Erzählungen und Drehbücher. Wer seine Erzählung "Doktorspiel" von 1976 noch auftreiben kann, wird feststellen, daß Schirmer, sosehr er sich seitdem entwickelt hat, damals schon die Kunst beherrschte, existentielle Situationen zu schildern, indem er seine Protagonisten in überaus grotesk konstruierte Alltagssituationen stellt - ob in der DDR oder in Wendedeutschland.

          "Der letzte Sommer der Indianer" wird von den Protagonisten - Maria, Christian und Ludwig vor allem - einer Frau erzählt, die beim Film arbeitet. Aus den subjektiven Berichten ergibt sich, anders als bei "Schlehweins Giraffe" nicht aus dem unmittelbaren Erleben, sondern mit der Distanz von anderthalb Jahrzehnten nach der Zäsur gesehen, eine detaillierte Darstellung der Wirkungen, die der Zusammenbruch des SED-Regimes im November 1989 auf die DDR-Gesellschaft hatte. Seine feinen Beobachtungen versteckt er in Späßen, die oft nicht sehr fein sind. Das hat er nicht erst beim Fernsehen gelernt, sie finden sich schon im "Doktorspiel", in dem der Held mit Vornamen Bringfried und ein heldenhafter Bauarbeiter Halimasch heißen. Ein Mitglied des sächsischen Indianervereins, den die SED-Führung duldete, aber von heimlichen Zuträgern beobachten ließ, nennt Schirmer Pfeifender Atem - er ist Kleinbahnführer. Nach dem Fall der Mauer läßt Schirmer ihn regelrecht ausrasten. Kleinbahnführer Luschkowski jagt den Frauen nach, verfällt dem Suff, läßt sich von der wahnhaften Überzeugung leiten, Frauen, die ihre Sonnenbrillen ins Haar schieben, signalisierten damit eindeutig ihre Bereitschaft zur sexuellen Hingabe. Irre. Erst komisch, dann irre traurig.

          "Indianer" sind der Häuptling Grüner Pfeil (Christian), seine Frau Wahtawah (Maria) und ihrer beider bester Freund Einsamer Wolf, Ludwig von Wesphal, der aus der DDR fliehen mußte, nachdem er verraten worden war. Im Westen wurde er vom Indianer zum Cowboy und Bierbrauer. Nach der Revolution kehrt er heim und verlangt, in seine alten Rechte eingesetzt zu werden. Was diese drei und die übrigen Vereinsindianer erleben, die während der DDR eine geschützte Existenz zu führen glaubten, nachdem ihr Gesellschaftssystem und ihr Überwachungsstaat zusammengebrochen sind, wird aus vielen Perspektiven besichtigt. Genüßlich schildert Schirmer die vielen Marotten, die Ost- und Westdeutsche an den jeweils anderen wahrnehmen, die Mißverständnisse, die Bosheiten, die kulturellen Differenzen.

          "Spielen wir hier Indianer oder was?", fragt der Häuptling a. D. schließlich in der Szene, in der sich alle noch einmal treffen und alles herauskommt. Der "Verräter", der damals der Stasi alles berichtet hatte, was die Indianer so spielten, war der unverdächtige, versoffene, von seiner Frau verlassene, arbeitslose Kleinbahner Pfeifender Atem. Der aber läßt sich nicht zum Bösewicht stempeln. Verachtungsvoll antwortet er auf ihre Vorwürfe: "Oder glaubt ihr im Ernst, die hätten uns in aller Ruhe Indianer spielen lassen, wenn die nicht genau über uns Bescheid gewußt hätten? Wo habt ihr denn gelebt? Einer war immer dabei, habt ihr denn das nicht gewußt?"

          Nicht viele haben in den letzten Jahren solche Fragen erörtert; schon gar nicht wurden sie in unterhaltsamen Romanen gestellt. Der Theologe Richard Schröder sagte neulich, Joachim Gauck habe 1989/90 die Öffnung der Stasi-Akten auch deswegen gewollt, um den Opfern der Stasi "einen selbstkritischen Blick auf sich selbst" zu ermöglichen. Den Zonen-Indianern ist genau das in Form eines Romans gelungen.

          MECHTHILD KÜPPER

          Bernd Schirmer: "Der letzte Sommer der Indianer". Eulenspiegel Verlag, Berlin 2005. 254 S., geb., 17,50 [Euro].

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