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: Der Parasit der Literatur

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Er trägt eine weite Hose und ein weißes Hemd, und über dem weißen Hemd trägt er einen cremefarbenen Pullover. In der Mitte hat der Pullover ein Loch. Er sieht nicht aus wie ein Millionär, und doch muß er einer sein. Schließlich hat sich sein Roman "Corellis Mandoline" zwei Millionen Mal verkauft.

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          Er trägt eine weite Hose und ein weißes Hemd, und über dem weißen Hemd trägt er einen cremefarbenen Pullover. In der Mitte hat der Pullover ein Loch. Er sieht nicht aus wie ein Millionär, und doch muß er einer sein. Schließlich hat sich sein Roman "Corellis Mandoline" zwei Millionen Mal verkauft. Und später ist die Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges verfilmt worden, mit Nicolas Cage und Penélope Cruz und John Hurt in den Hauptrollen.

          Zehn Jahre sind seit dem Erscheinen von "Corellis Mandoline" vergangen, zehn Jahre, in denen der Engländern Louis de Bernières ein paar schmale Bücher veröffentlicht hat, eins über einen roten Hund und eins über einen Sonntagmorgen am Mittelpunkt der Erde. Und während dieser Zeit hat er auch an einem dicken Buch gearbeitet. An einem großen Roman. An einem Monumentalroman mit dem Titel "Traum aus Stein und Federn", der jetzt auf deutsch erschienen ist. Sechshundertsiebzig Seiten lang und doch nur halb so umfangreich wie das bekannteste Werk seines Vorbildes, Lew Nikolajewitsch Tolstois "Krieg und Frieden".

          Reisen und Literatur

          "Ich bin eine Art literarischer Parasit", sagt Louis de Bernières und blickt aus dem Hotelfenster in den Berliner Winterhimmel. Die Sonne scheint. Ein paar Strahlen fallen durch die Gardinen auf seinen Pullover - und auf das Loch, das ihm andere Parasiten in den Stoff gefressen haben. Louis de Bernières ist mehr als ein Parasit. Er ist ein Dieb. Er nimmt sich von seinen Idolen, was er für seine Arbeit braucht. Von Tolstoi hat er das Opulente, das Ausufernde übernommen und den Anspruch, eine ganze Epoche abzubilden, und von Gabriel García Márquez hat er den Magischen Realismus kopiert und nach Europa exportiert.

          De Bernières schlachtet auch Sachbücher, Reiseführer und Liedersammlungen aus. Er reist durch die Welt, unterhält sich mit den Menschen, und das, was sie ihm erzählen, fließt in seine Geschichten ein. Kein Wunder, daß es in "Traum aus Stein und Federn" ein Dutzend Erzähler und fast zweihundert Figuren gibt. Und trotzdem, das ist das Erstaunliche, wirkt der Roman nicht überfrachtet.

          De Bernières erzählt gefühlvoll, leicht und poetisch von der schönen Philothei, die sich in Ibrahim verliebt. Von Iskander, dem Töpfer, der Tonflöten mit Vogelstimmen verschenkt. Von Rustem Bey, der seine Frau mit einem anderen erwischt und sie steinigen läßt, bevor er sich eine tscherkessische Geliebte kauft. Von Karatavuk, der eigentlich Abdul heißt und in Gallipoli das Osmanische Reich verteidigt. Und von Kemal Atatürk. Er erzählt von rauchenden Kamelen und in Brunnen gefallenen Ziegen. Er erzählt hundert kleine Geschichten in diesem Buch und eine große. Und die große Geschichte, die Weltgeschichte, verschlingt irgendwann all die kleinen.

          Schauplatz dieses gewaltigen Epos über Krieg und Frieden, Liebe und Haß, Schuld und Schande, Ehre und Feigheit ist eine fiktive Kleinstadt Eskibahce an der türkischen Westküste. Eskibahce, errichtet an einem Hang, die Häuser, in dunklen Rottönen getüncht, dem Meer und der Sonne zugewandt, könnte das Paradies sein. Hier leben Anfang des 20. Jahrhunderts Christen und Moslems, Griechen und Türken und Armenier mehr oder weniger einträchtig nebeneinander. Wer jemanden, der anderen Glaubens ist, heiraten will, konvertiert, und wer eine andere Sprache spricht, der paßt sich, wenn auch zähneknirschend, an, um mitreden zu können. Sogar die Geistlichen, der Imam und der Priester, gehen liebevoll miteinander um: "Die beiden Männer machten sich schon seit vielen Jahren einen Scherz daraus, daß sie einander als Ungläubige begrüßten, der eine auf Türkisch, der andere auf Griechisch, und es war eine herzliche Freundschaft entstanden, deren Grundlage der gegenseitige Respekt war." Aber irgendwann verlieren die beiden Männer diesen Respekt voreinander. Irgendwann verlieren alle den Respekt voreinander. Und bald darauf kommt der Krieg, der erste große Balkankrieg, der so verheerend ist wie der zweite große Balkankrieg am Ende des 20. Jahrhunderts.

          Familie und Religion

          Und dann, ungefähr in der Mitte des Buches, erscheint das Loch in der Mitte von de Bernières' Bauch plötzlich wie ein Zeichen, als trage der Autor die furchtbare und banale Botschaft seines Werkes zur Schau: "Und der größte Fluch der Religion ist es, daß sie nicht mehr als eine Messerspitze braucht, die ein kleines Löchlein in das Tuch eines Hemdes reißt, und schon macht sie aus Nachbarn, die sich einmal geliebt haben, unversöhnliche Feinde."

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