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Norbert Scheuer: „Winterbienen“. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2019. 319 S., geb., 22,– Euro. Bild: C. H. Beck

Norbert Scheuers „Winterbienen“ : Im Bienenstock werden sie zuallerletzt suchen

Aus dem Tagebuch eines Flüchtlingshelfers: Norbert Scheuers jüngster Eifelroman „Winterbienen“ zeigt einen Imker im Kampf um das Erinnern, gegen das Regime und seine Krankheit.

          Deutschland, 1944. Im Westen des Reiches lebt ein Mann, der seit Jahren Juden bei der Flucht hilft. Ihm geht eine schriftliche Nachricht zu, wenn er neue Flüchtlinge in seine Obhut nehmen soll. Er versteckt sie in einer Höhle und wartet wochenlang auf die nächste Instruktion mit dem Termin für den Weitertransport. Dann bringt er sie mit einem Pferdefuhrwerk an die Grenze zu Belgien, wo sie erwartet werden. Nach getaner Arbeit wartet er noch stundenlang, für den Fall, dass die Abholer nicht zur Stelle waren. Nach Hause zurückgekehrt, setzt er sich an den Schreibtisch und führt Tagebuch. Über die Erledigung seines Auftrags berichtet er dort im Zusammenhang mit den übrigen Verrichtungen seines Tages. Aus den Tagebuchblättern dieses Egidius Arimond, eines aus dem Schuldienst entlassenen Lateinlehrers, der im Eifelstädtchen Kall die Bienenzucht seines verstorbenen Vaters fortführt, besteht der neue Roman von Norbert Scheuer.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein Manuskriptschatzfund, eine Tasche oder Kiste voller Papiere: Das ist ein Kniff, der so alt ist wie das Handwerk des Romaneschreibens. Er macht dem Schriftsteller, der sich die Geschichte ausgedacht hat, die Vortäuschung von Unmittelbarkeit möglich, von Gleichzeitigkeit des Berichts und Alltäglichkeit des Berichteten. Wann ist diese Erfindung glaubwürdig? Man muss sich vorstellen können, dass der vermeintliche Verfasser die Niederschrift wirklich zu Papier gebracht hat. Hatte er inmitten dramatischer Ereignisse überhaupt die Muße dazu? Und falls er Geheimnisse verrät: War es nicht zu gefährlich, sie dem Papier anzuvertrauen?

          Die Antwort auf die erste der beiden Fragen liegt im Fall des Erzählers von „Winterbienen“ auf der Hand. In der Eifel passiert nicht viel. Das weiß auch, wer dieses Hinterland des Rheinlands nie betreten hat und das Reich der erloschenen Vulkane nur aus der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ kennt. Egidius Arimond hatte also alle Zeit der Welt, um seine Beiträge zur versuchten Judenrettung aufzuzeichnen, zumal der Zweite Weltkrieg bis weit ins Jahr 1944 hinein buchstäblich über die Köpfe der Eifelbewohner hinwegging, in Gestalt der alliierten Bomber, die ihre Last nicht über den verstreuten Dörfern im westdeutschen Niemandsland abwarfen, weil sie zunächst die Städte Köln und Bonn zerstören wollten. Aber wie konnte Scheuers Held Buch führen über Handlungen, die ihn zum sicheren Tod verurteilt hätten, wenn seine Akten der Gestapo in die Hände gefallen wären?

          Wie seine Bienen ein Programm der Natur ausführen

          Der Autor hat Egidius Arimond mit einem Handicap ausgestattet, das ihn – ein makabres Paradoxon – vor dem Kriegsdienst verschont, weil sein Leben nach der Doktrin der Nationalsozialisten ohnehin nichts wert ist. Er ist Epileptiker. Aber die Annahme, dass der Tagebuchautor sowieso jederzeit damit rechnen musste, selbst abtransportiert zu werden, und sich deshalb vor dem leeren Blatt keinen Zwang antat, ist zur Erklärung der Existenz des Tagebuchs nicht erforderlich. Die Hypothese bleibt Spekulation, wie ohnehin in diesem Roman alle psychologischen Erwägungen spekulativ, will sagen: dem Leser anheimgestellt sind, weil der fingierte Autor sich an die Tatsachen hält, die sich naturwissenschaftlich ausweisen lassen.

          Warum musste der Lehrer außer Diensten keine Angst vor der Entdeckung seines Diariums haben? Er hat es gut versteckt: in einem seiner Bienenstöcke. Der Verschlag mit den Bienenvölkern wäre erst durchsucht worden, wenn der Flüchtlingshelfer schon aufgeflogen wäre.

          Die Meisterschaft des Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt. Sich am Feierabend hinzusetzen, das Tagwerk in Schriftform zu gießen und das Protokoll dann am Arbeitsplatz zu deponieren – das ist für den Bienenzüchter im Erbgang das Natürlichste auf der Welt, wie seine Bienen ein Programm der Natur ausführen, das sie den Nektar, den die Blüten absondern, sammeln lässt, um den Honig herzustellen, den ihr Züchter erntet.

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