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Der neue Roman von Erich Loest : Antihelden wie wir

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Bild: Verlag

Leipziger Wendemanöver: In seinem neuen Roman "Löwenstadt" setzt der ostdeutsche Schriftsteller Erich Loest seine Stadtgeschichte in Romanform fort. Anküpfend an "Völkerschlachtdenkmal" erzählt er von der Wiederkehr der Vergangenheit.

          Der Löwe ist das Wappentier von Leipzig. In den Büchern des Sachsen Loest hat Leipzig, die „Löwenstadt“, immer eine bedeutende Rolle gespielt, war, wenngleich nicht seine Heimatstadt, stets die Stadt seines Herzens. Was nicht bedeutet, dass er sie angeschwärmt und hochgepriesen hätte. Bei ihm spielt sie die Rolle eines Schicksalsortes, einer historischen Bühne, auf der sich eigene Lebensdramen vollzogen und die unendlich vieler Menschen in verschiedenen Phasen deutscher und europäischer Geschichte. In Leipzig hat der Schriftsteller Loest seine ersten Erfolge erringen können. Hier hat er den Druck ertragen müssen, der nach politischer Verfolgung und sieben Zuchthausjahren auf ihm lastete. Nach Leipzig kehrte er heim, nachdem die Wende von 1989/90 seinen Emigrantenaufenthalt am Rhein überflüssig gemacht hatte. Und hier beobachtete er seitdem, wie Menschen mit den Chancen umgehen, die historische Entwicklungen ihnen bieten, wie sie ihre Möglichkeiten nutzen oder vertun.

          Immer wieder hat er die geschichtlichen Abläufe untersucht, die das Dasein der Leipziger und ihrer Nachbarn bestimmten, es lebenswert oder unerträglich machten. Und immer ging es ihm darum, dass der Einzelne niemals bloß Objekt des Geschehens war, sondern bis zu einem gewissen Grade auch Subjekt, das heißt durch Tun oder Lassen mehr oder weniger verantwortlich für das, was ihm und anderen zustieß. Man kann Loest einen Protokollanten deutscher Geschichte nennen, aber was ihn zum Schriftsteller macht, ist sein tiefes Eintauchen in die Sphäre der ganz gewöhnlichen Menschen, seine Nähe zu dem Alltag, in dem wir alle leben oder gelebt haben könnten.

          Zweihundert Jahre Historie

          Loest präsentiert uns in seinem neuen Roman rund zweihundert Jahre Leipziger Historie, beginnend mit der Völkerschlacht von 1813, dem Höhepunkt der Befreiungskriege gegen Napoleon, und endend in unseren Tagen. Der Autor folgte auch hier seiner alten These, dass die Sachsen stets eine fatale Begabung dafür gezeigt hätten, auf der falschen, in diesem Fall auf der antipreußischen und damit pronapoleonischen Seite zu kämpfen. Er macht aber auch deutlich, dass die jeweiligen Machtspiele und die daraus resultierenden Zustände den normalen Bürgern wenig Chancen boten, politische Klugheit zu entwickeln und dementsprechend zu handeln. Wer dennoch danach strebte, musste wohl oder übel zum Helden werden, den Widerstand gegen die jeweiligen Regime nicht scheuen, notfalls nicht nur das eigene Leben, sondern auch das seiner Familie riskieren. Wer ist dazu schon bereit?

          Dennoch heißt die Botschaft dieses Romans nicht etwa, dass Widerstand gegen politisches Unrecht, gegen staatliche Vergewaltigung mehr ist, als man von einem normalen Menschen verlangen kann. Das würde weder zu Loests persönlicher Geschichte passen noch zu den Aussagen all seiner Bücher. Doch in den letzten Jahren wurde Loest zunehmend von Misstrauen beseelt, von Zweifeln an den Fähigkeiten der Menschheit, erkannte Fehler auf Dauer zu beseitigen, dafür zu sorgen, dass alle Zukunft in dem Lichte glänzt, das anzuzünden sich als möglich herausgestellt hatte.

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