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Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

„Sie wollte nicht in einem Staat leben, den zu lieben ihr plötzlich wieder aufgetragen wurde. Der Bundeskanzlerbub verlangte das“, schreibt Marlene Streeruwitz. Bild: EPA

In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.

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          „Bist du deppert, die ist schoaf“: Ein Satz vom ehemaligen österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der von ihm selbst als „alkoholbedingtes Machogehabe“ abgetan wurde und das Frauenbild des Rechtspopulisten offenbarte. Bei Feministen führte es zum Aufschrei, das ÖVP-FPÖ-Regierungsbündnis fiel durch die Ibiza-Affäre auseinander. Die bekannte österreichische Autorin Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem neusten Roman „Flammenwand“ ein Untergangsszenario, das zugleich als Chronik der türkis-blauen Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz betrachtet werden kann. Darin setzt sie die neoliberalen und rechtskonservativen Reformen des Koalitionsbündnisses ins Verhältnis zum persönlichen Liebesleid ihrer Protagonistin Adele.

          Wie in einer Autopsie beschreibt sie tagebuchartig die sich verschlechternde Beziehung, um im zweiten Strang mit feministischer Lesart die Politik der österreichischen Regierung zu analysieren. Streeruwitz erzählt die Geschichte von Gustav und Adele. Er ist ein deutscher Finanzbeamter im höheren Dienst, der aus Sparsamkeit bei Aldi einkauft, in einer minimalistisch eingerichteten Wohnung in Stockholm lebt und zwischen Berlin und Wien pendelt. Sie sind beide neu in der schwedischen Hauptstadt, ihr Alltag durch Rituale bestimmt. Am Morgen befriedigt er sie, nur mit den Fingern, denn Gustav ist impotent, glaubt Adele zumindest. Dann gehen sie getrennte Wege. Eines Tages wird Adele Gustav verfolgen. Und dabei auf sein Geheimnis stoßen, dass sie schon seit dem Beginn ihrer Beziehung zum Zweifeln brachte.

          Die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz seziert die Politik der Regierung von Sebastian Kurz.
          Die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz seziert die Politik der Regierung von Sebastian Kurz. : Bild: S. Fischer Verlag GmbH

          Rationalität und Genauigkeit sind die Attribute, die seinen aufgeklärten Charakter als Vertreter der bürgerlichen Mittelschicht auszeichnen, Streeruwitz aber schafft es trotz dieser bürgerlichen Fassade, sein männliches Dominanzstreben zu entlarven. „Betrogen. Gelogen. Gemordet. Ihre Liebe totgeschlagen. Gustav ein Totschläger“. Gustav ist gegen die AfD, hasst aber trotzdem Ausländer. Er ist eine ambivalente Figur, welche eine Janusköpfigkeit der oberen Mittelschichten aufzeigen soll. Adeles Identität hingegen kann nur erahnt werden, sie ist eine zugleich starke und zerbrechliche Frau, die ihren Weg in einer von Männern dominierten Gesellschaft sucht. Traumata aus ihrer Kindheit prägen ihr Männerbild. Ausgiebig beschreibt sie, wie ihr Bruder vom Vater misshandelt wurde und wie stark sich diese Impressionen des ausgelieferten Jungen bei ihr eingebrannt haben. Sie ahnt von der Affäre ihres Mannes und wird durch einen Anruf, der sich als Telefonat mit der Geliebten Gustavs entpuppt, vollends aus der Bahn geworfen.

          Eine Frau, die den gesellschaftlichen Verhältnissen erliegt

          Damit beginnt eine Entfremdungsgeschichte, die Streeruwitz nicht nur als Adeles Kampf um ihre soziale Absicherung, den Erhalt von gesellschaftlichem Status und Einsamkeitselegie inszeniert, sondern als breit angelegte Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in Österreich. Vorbild für den Titel ist die Flammenwand in Dantes „Göttlicher Komödie“, als Ort der gegenwärtigen Existenz zwischen Läuterung und Verdammnis. Adele balanciert über die gesamte Geschichte hinweg in einem Dazwischen..

          Das Buch ist schwere Lektüre. Ein-, Zwei-, Dreiwortsätze mimen Gedankensprünge einer gequälten Seele. Die Sätze enthalten keine Frage- und Antwortzeichen, nur Punkte, ein Verb, ein Nomen. Im Stakkato-Ton wird das Lesetempo vorgegeben. Streeruwitz will damit die Härten eines Frauenlebens zur Darstellung bringen und welche Wirkungen ein Mann auf es haben kann. „Sie war doch wirklich wieder gescheitert“. Es ist ein politisches Manifest gegen antifeministische Tendenzen, die sich in westlichen Ländern durch den Aufstieg der Rechtspopulisten im Aufwind befinden. Adeles zunehmendes Leiden und ihr Kontrollverlust werden sprachlich ins Höchstmaß gesteigert. Die Schwierigkeit, in ein normales Leben zurückzufinden und die Angst vor der Existenz als partnerlose Frau werden zur Basis der Geschichte. Adele erliegt den gesellschaftlichen Verhältnissen. Angeprangerte Doppelmoral wird in der Geschichte zum Fixpunkt. Angezogen und abgestoßen zugleich ist sie beispielsweise von einer Roma-Frau, die sich auf den Straßen von Stockholm als Bettlerin ihren Lebensunterhalt verdingt. Sie identifiziert sich mit der Frau auf der Straße, betrachtet ihr Kopftuch und ihren Rock als Befreiungssymbol und sieht in ihrem Überlebenskampf eine feministische Widerstandshaltung. Eine Polizeikontrolle führt zum Zusammenbruch. Sie hat Angst vor den uniformierten Männern, Angst vor Entblößung, Abtastung, dem Verlust von Würde.

          Streeruwitz selbst ist seit Jahren in der feministischen Bewegung Österreichs aktiv. So betreibt die 1950 in Baden bei Wien geborene Autorin seit 2018 einen Blog mit dem Namen „Frag Marlene – Feministische Gebrauchsanleitungen“, in welchem sie sich mit den aktuellen politischen Entwicklungen in ihrem Land ebenso auseinandersetzt wie mit den philosophischen Grundlagen der Geschlechterungleichheiten. Der Regierung von ÖVP und FPÖ stand sie von Beginn an kritisch gegenüber, ihr Buch erschien kurz vor der Ibiza-Affäre, die im Mai 2019 durch die Veröffentlichung des Strache-Videos zum Zusammenbruch des Regierungsbündnisses führte.

          Streeruwitz’ Roman fasst die erste Hälfte des 516 Tage währenden Experiments mit großer Präzision zusammen. Jede noch so kleine Nachrichtenmeldung zeichnet sie auf. Mit der Montagetechnik gelingt es ihr, den Verlauf und das Fanal der Koalitionsarbeit kondensiert wiederzugeben. „Montag, 16. April 2018. ÖVP-Bundeskanzler Kurz kündigt ein Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen und Kindergärten an“. „Er schlief nicht mit ihr. Er befriedigte sie“. Sexualität ist das zusammenhaltende Mittel der beiden Erzählstränge und gibt die Vorahnung dafür, wie die Verhältnisse vor Ibiza aussahen. „Sie wollte nicht in einem Staat leben, den zu lieben ihr plötzlich wieder aufgetragen wurde. Der Bundeskanzlerbub verlangte das. Die Populisten wollten zum Wiener Kongress zurück und über Schicksale verhandeln. Dann zu ihren ,Engeln‘ ins Puff. Christliches Ritual“. Es offenbart einige Ironie, dass es gerade die von Streeruwitz pointiert dargestellte toxische Maskulinität der männerbündischen FPÖ sein wird, die zur ersten, wenn auch nur interimistischen Bundeskanzlerin in der Geschichte Österreichs führt. Wie es dazu kommen konnte, ist nach Lektüre dieses Buches offensichtlich.

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