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Literatur aus Israel : Das Handwerk des Tötens

Israelische Soldaten in Jerusalem Bild: AP

Innen sweet, außen stachelig: Der israelische Autor Yishai Sarid erzählt in seinem neuen Roman „Siegerin“ von der Zumutung, die es bedeutet, junge Menschen in den Krieg zu schicken.

          4 Min.

          Das Werk des israelischen Schriftstellers Yishai Sarid ist umstellt von Monstern. Die Protagonistin seines neuen Romans „Siegerin“ arbeitet mit israelischen Soldaten, denen sie die Psychologie des Tötens nahebringt: Wie sie im Gefecht überleben und andere töten können ohne seelische Folgeschäden, das ist ihr Thema. Sie gilt als die Beste auf diesem Terrain, und wenn sie mit ihren jungen Soldatinnen und Soldaten zum Beispiel „Taxi Driver“ schaut, um am von Robert De Niro gespielten Travis Bickle die Folgeschäden des Krieges zu studieren, bereitet ihr selbst das ein gewisses Vergnügen. Darüber zu reden, was der Krieg mit einem macht. Wie das Töten und auch das Wissen darum, selbst Ziel des Tötens zu sein, Narben auf der Seele hinterlässt, die sich zu Albträumen wandeln, zu chronischer Nervosität, zu Depression.

          Sandra Kegel
          (S.K.), Feuilleton

          Dass die meisten Menschen vor dem Töten in Wahrheit zurückschreckten, außer den wenigen, die dazu geboren seien, auch das weiß die hochbegabte Ich-Erzählerin Abigail und hat natürlich ebenfalls hier ihre psychologischen Mittel parat, um die Zögerlichen anzufüttern. Eine junge Frau, die in der Vorbereitung zur Kampfpilotin an der Härte der Ausbildung zu zerbrechen droht, richtet sie mit diesen Mitteln entsprechend ab, so dass diese bald darauf zur gefürchteten Kampfpilotin aufsteigen kann, die keines ihrer Ziele verfehlt. Selbst als diese Pilotin bei einem Einsatz nicht nur den obersten Führer der gegnerischen Seite tötet, sondern auch dessen Kind, das sie aus ihrem Jagdflieger nicht gesehen hat, findet ihre Ausbilderin dafür nur entlastende Worte.

          Sie fühlt sich zu Monstern hingezogen

          Dass sie sich zu den Monstern hingezogen fühle wegen deren Mordlust, gesteht diese Abigail einmal, als ihr ein Freund, heute Künstler, ehemals natural born killer, erzählt, dass er beim Jagen und Töten des Feindes ein geradezu „fantastisches Hochgefühl“ verspüre. „Monster“ hieß auch der vorige, vielbeachtete Roman des 1965 in Tel Aviv geborenen Yishai Sarid, der 2019 ebenfalls von der Übersetzerin Ruth Achlama in ein geschmeidiges Deutsch übertragen wurde. Erzählerisch interessant war daran, wie Sarid auf narrativer Ebene umsetzte, wovon seine Erzählung handelte: von der Erinnerung. Das Monster schilderte der Autor als ein vielköpfiges, denn es bezieht sich sowohl auf die Erinnerung an ein Menschheitsverbrechen, die jeden, der damit zu tun hat, beschädigt, wie auch auf das Erinnerte selbst, die Schoa.

          Kein Zufall, dass derjenige den israelischen Schülern auf Besuch im Konzentrationslager in Auschwitz am anschaulichsten den Horror des Lagers beschreiben kann, der selbst niemals dort inhaftiert war. Während der tatsächliche Auschwitz-Häftling das nicht schafft. Er kann sich nicht erinnern, sondern bricht vor Ort zusammen. Der Roman „Monster“ beschreibt nicht nur, wie das Erinnern in Rituale ausgelagert wird, wie es instrumentalisiert und umgedeutet wird, er führt das Erinnern auch als unheimliches Erinnerungstheater vor, in dem der Historiker zum „Händler der Erinnerung“ wird, während die Jugendlichen aus Israel sich in Ausweichrituale flüchten, wenn sie sich im Konzentrationslager in blau-weiße Flaggen hüllen und die Nationalhymne singen.

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