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„Berta Isla“ von Javier Marías : Die bessere Hälfte des Doppellebens

„Señora Nevinson, nicht wahr?“: Auf einer der Holzbänke in den Sabatinischen Gärten im Herzen Madrids macht Berta Isla eine Bekanntschaft, die zur Bedrohung wird und der Titelheldin des neuen Romans von Javier Marías ihre verzweifelte Lage zeigt. Bild: ddp Images

Auch Ausgestoßene des Universums haben Frau und Kinder: In seinem neuen Roman „Berta Isla“ erzählt Javier Marías von den Lügen und Leerstellen im Leben mit einem Geheimdienstler.

          Man kann von Glück sagen, dass Javier Marías rasch zum Schreiben zurückgefunden hat: Nach den mehr als tausendfünfhundert Seiten seiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“, deren letzter Band „Gift und Schatten und Abschied“ im spanischen Original im Jahr 2007 erschienen ist, hatte er noch gezweifelt, ob er je wieder einen Roman verfassen würde. Jetzt, mit seinem dritten Roman nach dem Großwerk, hat der spanische Nobelpreis-Kandidat sogar noch einmal in die Welt und zu einigen der Charaktere von „Dein Gesicht morgen“ zurückgefunden, und auch das ist ein Glück.

          „Berta Isla“, soeben in deutscher Übersetzung erschienen, ist ein Wiedersehen mit Peter Wheeler und Bertram Tupra, dem charismatischen Oxforder Hispanistik-Dozenten mit nachgesagter Geheimdienst-Vergangenheit und seinem ehemaligen Schützling mit aktueller Karriere beim MI6. Doch das neue Buch führt nicht einfach die begonnene Erzählung fort, sondern liest sich als Komplementärroman: Er nimmt die Verunsicherung und Verwüstung in den Blick, die eine Agententätigkeit auch für ein Liebespaar und in der Familie mit sich bringt. Seine Titelheldin heiratet ihren spanisch-englischen Jugendfreund nach dessen Rückkehr aus Oxford, nicht ahnend, dass Tomás Nevinson sich in den letzten Zügen seines Studiums dort gezwungen sah, sich dem britischen Geheimdienst zu verpflichten.

          Er müsse dafür auf nicht allzu viel verzichten, ein Doppelleben wäre sogar angebracht. Wer sich für diese Existenz entscheide, komme und gehe einfach, „wie jeder Mann von Welt“, sagt ihm Wheeler, als der Student noch eine Wahl zu haben glaubt und schließlich ablehnt. Kurz darauf wird er in einem Mordfall verhört, erkennt aus den Fragen des Polizisten, dass er selbst dringend tatverdächtig ist, und sieht nach einem eindrucksvollen Auftritt Tupras keine andere Rettung vor einer langjährigen Gefängnisstrafe, als sein außergewöhnliches Talent, sich noch die feinsten Dialektnuancen in einer ganzen Reihe von Sprachen anzueignen, in dessen Dienst zu stellen.

          Beharrliche Hoffnung, während der Zweifel wächst

          Natürlich bemerkt Berta nach seiner Rückkehr nach Madrid eine Wesensveränderung, ohne sie deuten zu können – und ohne sich dadurch von den gemeinsamen Plänen abhalten zu lassen. Schon früh ist ihr heimlicher Eindruck, sie wäre mit „einem Gefangenen ohne Fluchtmöglichkeit“ verheiratet, dessen „grundlegende Gleichgültigkeit gegenüber seiner Existenz“ allenfalls von spürbarer Nervosität und Schwermut abgelöst wird, wenn er seine Arbeit an der britischen Botschaft in ihrer Heimat Madrid wieder einmal für eine Reise nach England unterbricht, für eine dieser Reisen, deren Zweck Berta genauso unklar bleibt wie ihre Dauer. Sein Schicksal sei besiegelt, gibt er zu, und sie das Einzige, von dem er wisse, dass er es gewollt habe. Was Tomás damit aussagt über alles außerhalb dieses Einzigen, bleibt für Berta im Dunkeln, es bleibt selbst dann noch im Halbdunkeln, als sie ihn nach einem Erpressungsversuch fragt, ob er tatsächlich für den Geheimdienst arbeite, wie ihr zu Ohren gekommen ist.

          Javier Marías: „Berta Isla“. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2019. 656 S., geb., 26,– Euro.

          Ein reizendes Paar, das Berta beim Ausflug in den Sabatinischen Gärten kennenlernt, entpuppt sich im Wohnzimmer vor der Babykrippe mit Benzin und Feuerzeug als Widersacher ihres Mannes in Angelegenheiten, von denen die junge Mutter nichts wusste: Es gibt, im von Berta direkt erzählten Hauptteil des Buchs wie auch in den Passagen, die diesen Hauptteil rahmen, Episoden von großer Spannung, zu denen die geschichtliche Einbettung - Spaniens Übergang nach dem Franco-Regime, der Nordirland-Konflikt, der Falklandkrieg - das Ihre tut. Doch „Berta Isla“ ist nicht als Spionagethriller angelegt. Die Stärken auch dieses Romans liegen in der für Javier Marías kennzeichnenden Art, sich in komplexe, widersprüchliche, diffuse Gefühlslagen hineinzuarbeiten, die er selbst als pensamiento literario, als literarisches Denken beschreibt. Wozu könnte das Tastende, sich Auswachsende dieses Stils besser passen als zu einer Situation der Unklarheit, der Unsicherheit, des Wartens und Hoffens, während sich die eigenen Gedanken selbständig machen?

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