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Lob für Mosebach : Einmal um die alte Welt

Blick auf die Insel Capri Bild: Raffaele Celentano/laif

Das Bildungsdekor ist zur Täuschung gedacht: Martin Mosebachs Roman „Krass“ zelebriert die Freiheit einer literarischen Kunst, die alles Stoffliche hinter sich lässt.

          5 Min.

          Der neue Mosebach ist erschienen. 525 Seiten, Titel: „Krass“. Worum geht es? Das ist leichter gefragt als gesagt. Es handelt sich um einen Roman. Man kann nicht so einfach angeben, worum es geht, wenn man ihn nicht nacherzählen will. Bei „Krass“ bekäme eine solche Paraphrase, mit der die Beurteilung „schöner“ Literatur gewöhnlich einsetzt, zudem rasch etwas Hochstaplerisches, auch Wichtigtuerisches. Man müsste entweder gewaltsam Ordnung schaffen oder fahrlässig den Eindruck von Unordnung in Kauf nehmen. Mehr oder weniger willkürlich würde man sehr viel weglassen. Das könnte man zwar kenntlich machen, mit dem rhetorischen Mittel der Praeteritio, des ostentativen Vorübergehens, doch damit träte man in die Fußstapfen des Titelhelden. Dieser Krass, Ralph Krass, hält sich für einen Meister des bedeutungsschweren Schweigens. Solche Mimikry kann kaum im Sinn der Sache sein. Oder geht es in „Krass“ um die Überforderung der Kritik, die viele Worte macht und nicht zur Sache kommt? Hoffentlich nicht.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gehen wir an die Handlung analytisch heran: Zerlegen wir sie. Eine Novelle schildert eine unerhörte Begebenheit, ein Roman eine Verkettung von Begebenheiten. Wenn es gelingt, die unerhörteste von ihnen zu identifizieren, weiß man dann vielleicht, worum es geht? Unter allen Räuberpistolen, Selbsttäuschungsmanövern und Bausündenfällen, die in „Krass“ ausgebreitet werden, ragt die Geschichte einer Bluttat hervor. Da lebt auf engem Raum ein Paar im Vollglück der Beschränkung, doch über ihn wird ein dunkles Geheimnis ausgeplaudert: Er sei „schon einmal verheiratet“ gewesen, aber eines Tages, ohne dass sich das „erkennbar vorbereitet hätte, habe er seine Frau, nach jahrelangem Zusammenleben, umgebracht, mit abstoßender Grausamkeit“. Dieser „Gattenmörder“ ist nicht etwa Ralph Krass, der Waffenhändler, der seine Gattin Martern aller Arten aus der Psychokiste erleiden lässt, sondern ein grüner Wellensittich, den eine fromme Frau im hintersten Winkel des tiefen Frankreichs vor einer Wiederholungstat bewahren will.

          Von Krass ist nur ein eingebildeter Femizid aktenkundig. Kurz vor seinem Tod in einem Spitalbett in Kairo sucht ihn im Schlaf die Erscheinung einer Frau heim, die zwanzig Jahre zuvor in Neapel einen außerordentlich großzügigen Vertrag gebrochen hatte. Im Traumprotokoll heißt es: „Hatte er sie etwa getötet? Von seinem Lebensstrom abgetrennt, mußte sie sterben, das war nicht anders vorstellbar.“ Aber Lidewine Schoonemaker, die Tochter eines postum berühmt gewordenen Konzeptkünstlers, ist nicht gestorben, sondern im Zuge einer globalen Karriere als Türöffnerin des Kunstmarkts zur gleichen Zeit in Kairo gelandet wie ihr einstiger verhinderter Beschützer. Am Ende des Romans würde sie am Grab von Krass stehen, wäre dieses auffindbar in der gigantischen Nekropole der ägyptischen Hauptstadt. Auf der Insel Capri hatte Krass sich eine Villa di Faraone mit ägyptischer Kammer als Kaufobjekt vorführen lassen. Seinem Selbstgefühl hätte es entsprochen, seine Diener und Dienerinnen, für deren Treue er reichlich berappte, immer in bar, mit sich begraben zu lassen.

          Nur nicht zurückblicken

          Was sagt der Kontrast zwischen Mensch und Tier, dem global umtriebigen Galgenvogel mit der Devise, man dürfe nie zurückblicken, und dem unschuldig-schuldigen Sittich, der sich nicht erinnern kann, über den Roman? In einem Vortrag hat Martin Mosebach das weltliteraturgeschichtlich Neuartige des Genres mit Erich Auerbach bestimmt: Ein Roman ist „keine Tragödie und keine Komödie, sondern aus beiden untrennbar verflochten, die Chronik komischen Unglücks und dunkel grundierten Glücks“. Es geht in „Krass“ nicht um das Schlimmste.

          Der Inhalt eines Romans geht in der Handlung nicht auf. Es gibt auch die Motive, Momente des Sachhaltigen, durch deren Gruppierung der Autor Muster jenseits der Abfolge der berichteten Ereignisse erzeugt. Führen Leitmotive auf die Spur des Themas von „Krass“? An das ägyptische Sujet etwa knüpft sich in der Person von Krass die Imitation Alexanders des Großen. Die letzte Geschäftsidee des ohne Barmittel Verreckenden ist auf Asien gerichtet. Aber wie könnten wir sicher sein, dass dieses orientalistische Dekor über die Personen des Romans mehr aussagt als umgekehrt die im Roman in den Hotels und Kanzleien von Kairo massenweise vorgefundenen Louis-Seize-Sessel über die ägyptische Bourgeoisie? Die literarischen Anspielungen sind fast so überdeutlich wie die sprechenden Namen der Figuren: Man könnte diese für Mosebach typischen Kunstmittel Applikationen nennen, die durchgehend markieren, dass der Leser Literatur vor sich hat.

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