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: Der Name der Sklerose

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Was wäre gewesen, wenn Max Brod die Romane Franz Kafkas, statt sie, dem Geheiß ihres Schöpfers folgend, zu verbrennen, einfach unter eigenem Namen veröffentlicht hätte? Und mehr noch: Wäre diese postume Setzung eines falschen Namens nicht das gewesen, was Kafka von seinem Freund im Grunde heimlich verlangte? ...

          Was wäre gewesen, wenn Max Brod die Romane Franz Kafkas, statt sie, dem Geheiß ihres Schöpfers folgend, zu verbrennen, einfach unter eigenem Namen veröffentlicht hätte? Und mehr noch: Wäre diese postume Setzung eines falschen Namens nicht das gewesen, was Kafka von seinem Freund im Grunde heimlich verlangte? Um diesen Kerngedanken kreist ein Kurzroman des argentinischen Erzählers Ricardo Piglia und trägt einen ebensolchen Etikettenschwindel bereits im Titel: "Falscher Name".

          Allerdings ist der Protagonist des Betrügerreigens weder der Schriftsteller aus Prag noch derjenige aus Buenos Aires, dessen - im übrigen ungefälschter - Name im Untertitel "Hommage an Roberto Arlt" prangt, sondern niemand anders als ein Autor mit Namen Ricardo Piglia, der vorgeblich eine echte Erzählung aufspürt, um sie unter dem falschen Namen, in Wirklichkeit aber eine falsche Erzählung präsentiert, um sie unter dem echten Namen zu publizieren. In beiden Fällen freilich handelt es sich um denselben Namen: Ricardo Piglia.

          Wie das möglich ist? Eines Tages stößt Piglia (der Protagonist, nicht der Autor) auf ein unveröffentlichtes Manuskript Roberto Arlts, jenes großen argentinischen Erzählers und zugleich Erfinders eines Patentverfahrens zur Vermeidung von Laufmaschen in Damenstrümpfen, der im Vergleich zu dem fast gleichaltrigen Jorge Luis Borges aufgrund seines frühen Todes im Jahre 1942 hierzulande verhältnismäßig unbekannt ist. In jenem Manuskript nun, einem fiktiven Romanfragment Roberto Arlts, fehlt eine Reihe von Seiten. Auf denen hatte der Autor (Roberto Arlt, nicht Ricardo Piglia) eine Erzählung von fünftausend Wörtern niedergeschrieben, die der Autor (Ricardo Piglia, nicht Roberto Arlt) gar "zum Besten, was Arlt je geschrieben hatte", rechnet.

          Mittels einer literarisch-kriminalistischen Suche muß dies apokryphe Juwel nun den Fängen des Arlt-Freundes Kordia entwunden werden, welcher den Text jahrzehntelang unter Verschluß gehalten und der brodschen Verlockung widerstanden hatte, ihn unter seinem Namen zu veröffentlichen. Erst durch eine gehörige Summe von Piglia bestochen, opfert er seinen Schatz, wenngleich er es wenig später bitter bereut. Damit bricht der Kurzroman abrupt ab, da Piglia - der Protagonist? Der Autor? Wer vermöchte es zu sagen? - an dieser Stelle die Erzählung mit Titel "Luba" in seinen eigenen Text einfügt. Es handelt sich um ein klassisches Arltsches Szenario in einem Bordell von Buenos Aires. Protagonistin ist die Prostituierte Luba, die sich in einen flüchtigen Anarchisten verliebt und sich seiner Bewegung anschließt. Doch zum Schluß gesteht sie ein, daß Luba nur ihr "falscher Name" ist.

          Mit diesem Kunstgriff einer Fälschung innerhalb der Fälschung wird das literarische Programm der Autoren, des fiktiven Arlt und des realen Piglia, auf die Spitze getrieben. Denn "wir alle, die wir schreiben und unterschreiben", so Arlt laut Piglia, "tun das, um unser tägliches Brot zu verdienen. Die Leute suchen die Wahrheit, und wir geben ihnen Falschgeld. Das ist der Beruf, das ,Metier'. Die Leute glauben, sie erhielten die rechtmäßige Ware, und denken, es seien Rohstoffe, dabei handelt es sich nur um die plumpe Fälschung anderer Fälschungen, die ihrerseits auf Fälschungen zurückgehen."

          All dies klingt furchtbar kompliziert. Und das ist es auch. Auf weniger als hundert Seiten gelingt es dem Kurzroman, ein verzweigtes Geflecht zu spinnen, das zu entwirren es wohl weiterer hundert Seiten bedürfte. Daß ein solches Spiel mit Realität und Fiktion, mit Autor- und Textinstanzen für uns heutige Leser an sklerotische Experimente aus einer Zeit erinnert, als der Begriff Postmoderne noch nicht ein justitiables Schimpfwort darstellte, ist allerdings nicht die Schuld des Autors Piglia.

          Schließlich schrieb er seine jetzt erstmalig ins Deutsche übersetzte Prosafuge vor nahezu dreißig Jahren, als man in Europa noch nicht einmal angefangen hatte, den Argentiniern dergleichen literarische Experimente nachzumachen und ihnen das postmoderne Etikett aufzudrücken. Dennoch geht dem Kurzroman gerade durch seine Virtuosität, seine perfekt polierte Maschinerie das spezifische Talent ab, das Roberto Arlt gemäß den Worten Julio Cortázars seine Größe verleiht: "die furchterregende Kraft, schlecht zu schreiben".

          FLORIAN BORCHMEYER

          Ricardo Piglia: "Falscher Name". Hommage an Roberto Arlt. Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Sabine Giersberg. Eingeleitet von Hanns Zischler. Mit einem Nachwort von Leopold Federmair. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003. 100 S., geb., 15,50 [Euro].

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