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: Der nähert sich der Unmoral auf Flügeln

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Nicht selten geschieht es in der Literatur (wie auch außerhalb), dass ein Schöpfer seine erfolgreichste Kreatur eliminieren will. Conan Doyle ließ Sherlock Holmes in der Schweiz an einem Wasserfall verschwinden, Agatha Christie konnte Miss Marple nicht mehr ausstehen, und viel Besseres ist über Gottes Verhältnis zu den Menschen auch nicht zu berichten.

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          Nicht selten geschieht es in der Literatur (wie auch außerhalb), dass ein Schöpfer seine erfolgreichste Kreatur eliminieren will. Conan Doyle ließ Sherlock Holmes in der Schweiz an einem Wasserfall verschwinden, Agatha Christie konnte Miss Marple nicht mehr ausstehen, und viel Besseres ist über Gottes Verhältnis zu den Menschen auch nicht zu berichten. Dass Figuren sich selbständig machen, ist eigentlich ein Schreibziel, doch kann es nach Erreichen schnell zum Albtraum der Schreibenden werden. Ihr liebt nicht mich, will der Autor dem Publikum sagen, wenn man ihn nur noch reden ließe, sondern dieses unwerte Geschöpf, das nichts ist als eine Schaumkrone meiner Phantasie. Conan Doyle musste seinen Detektiv zehn Jahre später wiederauferstehen lassen, so stark war der Druck der Öffentlichkeit.

          Ähnlich erging es seinem französischen Pendant, Maurice Leblanc (1864 bis 1941), der längst nicht so bekannt geworden ist, mit seinem Meisterdieb Arsène Lupin. Um 1910 versuchte er ihn umzubringen, es misslang, und so hören wir noch 1923/24 von dem Gentleman Cambrioleur. Aus dieser Zeit entstammt einer der späten Romane um den normannischen Kriminellen, der endlich darüber aufklärt, wo und wie Lupin sein Diplom ablegte und wie seine Karriere überhaupt begann. Erstmals in den sechziger Jahren auf Deutsch erschienen, bringt Matthes & Seitz die Bände nun in überarbeiteter Form wieder heraus, und vielleicht ist die Zeit jetzt auch reifer dafür.

          Leblanc spielt nämlich ebenso souverän auf der Klaviatur des Kriminalromans wie auf der des Liebes-, Abenteuer- und Geheimnisromans. Lupins erste Schritte in der Welt der Unmoral entpuppen sich als eine Auseinandersetzung mit den Versuchungen der Liebe und der Magie. Beide werden verkörpert von einer Frau, hinter der eines der merkwürdigsten Phantasmen der europäischen Kultur des achtzehnten Jahrhunderts steht: Joséphine Balsamo, bekannt auch als Pellegrini und unter welchen Namen auch immer, die die Tochter des berüchtigten Grafen Cagliostro zu sein vorgibt. Der Sizilianer brachte Höfe und Herzen durcheinander, betrog und verkleidete sich, flüchtete, wurde gefangengesetzt, behauptete, Gold zu machen und eine Loge begründet zu haben.

          So groß war sein skandalöser Ruhm, dass noch Goethe in Palermo nicht nur nach der Urpflanze, sondern auch nach Cagliostro forschte und ein Theaterstück über ihn schrieb, während Schiller sich ihn für seinen "Geisterseher" wählte. Da Leblancs Buch im Jahre 1894 spielt, muss die Tochter des Grafen schon etwas älter sein; sie ist aber so strahlend schön wie auf einem Medaillon, das sie in ihrer fernen Jugend zeigt. Das mag die Verbrecherbande beeindrucken, die ihr auf den Fersen ist, nicht aber den jungen Lupin, der hier noch seinen Adelsnamen Raoul d'Andrésy trägt. Er durchschaut den Trick, aber zur Strafe verliebt er sich in sie, nachdem er sie aus den mörderischen Klauen der Verfolger gerettet hat. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass er es mit einer Inkarnation des Bösen zu tun hat, einer schlimmen Femme fatale, die betrügt und selbst vor Mord nicht zurückschreckt, nur um an einen alten Mönchsschatz heranzukommen. Lupin kann nicht von ihr lassen, es ist ein wahrer Rausch, der die beiden in ihrem Liebesversteck immer wieder heimsucht. Am Ende helfen ihm seine Ratio, sein Abscheu vor ihrer Skrupellosigkeit und die Erinnerung an seine Verlobte Clarisse. Denn Lupin ist zu jedem Verbrechen bereit, sofern es nicht Unschuldige betrifft; vor allem aber hasst er Mord und unnötige Gewalt. Grundsätzlich rettet er immer Frauen aus ihrer misslichen Lage. Statt eines Revolvers benutzt er seinen scharfen Verstand, der ihn noch aus jeder Klemme befreit. Statt mit Eisenstangen um sich zu schlagen wie seine Feinde, wendet er lieber Judogriffe an, die er von seinem Vater, einem Gymnastik- und Tanzmeister, gelernt hat.

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