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: Der Mörder ist immer der Dichter

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Der Marmorlöwe vor der Pizzeria "Michelangelo" gähnt in der Sonne. Er wirkt, als gähne er schon eine Ewigkeit, wie er so dasitzt, mit feiner Moosschicht überzogen, und die blaue Leere der Straße an sich vorbeiziehen läßt. Es ist drei Uhr mittags am Ortsrand von Obertshausen bei Offenbach, und die ...

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          Der Marmorlöwe vor der Pizzeria "Michelangelo" gähnt in der Sonne. Er wirkt, als gähne er schon eine Ewigkeit, wie er so dasitzt, mit feiner Moosschicht überzogen, und die blaue Leere der Straße an sich vorbeiziehen läßt. Es ist drei Uhr mittags am Ortsrand von Obertshausen bei Offenbach, und die Welt ist menschenleer.

          Hier draußen, am Ende von Hessen, am Ende einer Welt, unter dem Dach eines kleinen, zweistöckigen Hauses wohnt Jan Costin Wagner, hessischer Abgrunddichter, Todesdichter, Krimischriftsteller - eine der erstaunlichsten, jungen deutschen Literaturentdeckungen der letzten Zeit. Für sein Debüt "Nachtfahrt" hat er 2001 den Marlowe-Preis für den besten deutschen Kriminalroman bekommen, und jetzt hat er mit "Eismond" ein ganz außergewöhnliches Buch gleich hinterhergeschrieben. Ort der Handlung ist nicht das karge Hessen, sondern das noch etwas kargere Finnland. Es ist die Geschichte eines Mörders, der seine Opfer in der Nacht mit Hilfe ihres Schlafkissens in die Ewigkeit, ins Nichts versenkt, und es ist die Geschichte eines Ermittlers, Kimmo Joentaa, dessen junge Frau an einer schweren Krankheit stirbt. Beide Männer sind besessen vom Tod, besessen von der Angst vor dem Tod. In ihrem wütenden Kampf, den Tod abzuschaffen, ihn rückgängig zu machen und aus dem Leben zu verbannen, entwickeln die beiden, Mörder und Ermittler, eine so beunruhigende, eine so zwingende schweigende Geistes- und Seelenverwandtschaft, daß der Leser sich am Ende des Buches selbst aufs fatalste den beiden Todeskämpfern drängend nahe fühlt.

          Das Schweigen ist das Schlimmste. Es wird sehr viel geschwiegen in diesem Buch. Der Mörder sagt fast nichts. Doch der Leser erfährt alles über ihn. Wie er die Welt sieht. Wie er seine Opfer sieht. Warum sie sterben müssen. Ohne viele Worte. Wagner ist ein Andeutungsmeister. König der Verknappung, der Auslassung, der Umkreisung. Als der zukünftige Mörder zum ersten Mal auftritt, heißt es über ihn: "Der Klavierstimmer wartete, bis er den Eindruck hatte, es sei ganz still, dann schlug er die Taste an und inhalierte den harten falschen Ton. Er schloß die Augen und sah den Klang hell und gelb vor dem schwarzen Hintergrund seiner Gedanken. Ein gelber Kreis, ein greller Vollmond, der kleiner wurde und verschwand, als der Ton in den Schoß der Stille zurücksank." Erscheint Ihnen etwas übermetaphorisch? Der Eindruck täuscht. Im weiteren Verlauf wird die Bildersprache immer weiter reduziert. Die kleinsten Andeutungen genügen.

          Die Seele des Täters wird genauso wie das ausgewählte Opfer weiter und weiter eingekreist, sprachlich eingezwängt, unentrinnbar, sicher tödlich. Ein falscher Ton, der Gedanke an den Mond (ja, an den Mond. Der Mörder ist mondbesessen. Eine besonders fatale Form der altmodischen Mondsucht) im falschen Moment, und das Gegenüber wird sterben müssen. Bevor der Mord Wirklichkeit wird, mordet er in Gedanken: "Sie bückte sich und riß Unkraut aus dem feuchten Boden. Er sah ihr eine Weile bei der Arbeit zu. Sie trug einen weißen Bikini, ihre Haut war blaß. Er inhalierte das Bild, schloß die Augen, öffnete sie und sah sie sterben."

          Schon in der nächsten Nacht ist sie wirklich tot. Der Mörder trinkt noch zwei Glas Wein, entwendet ein trauriges Mondgemälde, das sein Gefallen findet, und ist spurlos verschwunden. "Es war schön, Teil der Dunkelheit zu sein." Er ist ganz schwarz. Er ist der Tod. Und Kimmo Joentaa, der Ermittler, kommt ihm auf wundersame Weise nahe.

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