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: Der Liebhaber

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In seiner eigenen Darstellung glänzt der Darstellungskünstler am schönsten: George Tabori, nun mit neunzig Jahren der dienstälteste Theatermacher der Welt - "Shakespeare hat sich schon mit vierundfünfzig Jahren zurückgezogen" -, gab ein getipptes Manuskript frei, das in der kleinen Bibliothek der ...

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          In seiner eigenen Darstellung glänzt der Darstellungskünstler am schönsten: George Tabori, nun mit neunzig Jahren der dienstälteste Theatermacher der Welt - "Shakespeare hat sich schon mit vierundfünfzig Jahren zurückgezogen" -, gab ein getipptes Manuskript frei, das in der kleinen Bibliothek der Provinz als Faksimile samt handschriftlichen Korrekturen, Einfügungen, Umstellungen erschienen ist. In der anmutig-absurden Petitesse treibt eine deutsche Übersetzung von Shakespeares Sonett Nummer 130 eine Frau in den Selbstmord, weil sie einige Zeilen fatalerweise auf sich bezieht: "Wenn Schnee weiß ist, so ist ihr Busen fahl." Der zuständige Dolmetscher wird zum Tode verurteilt und landet im Himmel zur Linken des verehrten William Shakespeare, dem er beglückt seine Nachdichtung vorträgt, worauf dieser lakonisch antwortet: "Sorry, old boy, ich versteh' nix deutsch."

          Kunst und Leben überschneiden sich auf diesen sechsundzwanzig Seiten wie das Erhabene und das Lächerliche. Die große Liebe des einen ist dem anderen ein Buch mit sieben Siegeln und alles zusammen der Stoff, aus dem die Träume und vermutlich auch das kosmische, schwebende, abgründige Gelächter George Taboris sind. Dem hübschen Manuskript attestierte der Schwarzhumorist tiefstaplerisch selbst "Küchen-Deutsch", da er sonst ausschließlich auf englisch zu schreiben pflege, gleichwohl die meisten seiner Stücke übersetzt in Deutschland uraufgeführt wurden.

          "Ungarisch ist meine Muttersprache, Englisch ist meine Vatersprache, Deutsch ist meine Tantensprache", wird Tabori von Anat Feinberg in der Biographie zitiert, die sie für die dtv-Reihe verfaßt hat. Die aus Tel Aviv stammende Literaturwissenschaftlerin schildert darin so wohlwollend wie nüchtern sein bewegtes Jahrhundertleben: Von der Geburt des Sonntagskindes am 24. Mai 1914 in Budapest als zweitem Sohn akkulturierter jüdischer Eltern, denen dieser Wochentag und nicht der Sabbat heilig war, über die Emigration 1935 nach London bis zur endgültigen Rückkehr nach Europa 1971, wo er, nach Engagements etwa in Bremen, München und Wien, seit 1999 am Berliner Ensemble tätig ist.

          Anhand der kompakt aufbereiteten Chronologie entfaltet sie Taboris künstlerisches OEuvre und erhellt die historischen Konstellationen für dessen Entstehung. Das können die ökonomischen Zwänge in der von Tabori als "Salatsystem" mißbilligten Glamourfabrik Hollywood sein, wo zwischen 1947 und 1970 seine Filmprojekte inklusive einer Adaption von Thomas Manns "Zauberberg" mit Greta Garbo und Montgomery Clift scheiterten. Oder der Holocaust, der Taboris Familie weitgehend vernichtet hatte. Aus der unaufhörlichen Beschäftigung mit diesem Trauma entwickelte er sein Theater, das kraftvoll ungeniert den Freudschen Dreisprung aus "Erinnern-Wiederholen-Durcharbeiten" vollzieht. Bereits 1952 formulierte er anläßlich der Uraufführung seines ersten Bühnenstücks "Flight to Egypt" durch Elia Kazan in New York als ästhetisches Credo: "Ich hatte nicht vor zu gefallen. Ich wollte irritieren, stören und schockieren; die Zuschauer in Spannung halten, sie nach Hause schicken, ungeläutert, mit der Erinnerung an den Schmerz."

          In Deutschland gelang Tabori mit fast sechzig Jahren der Durchbruch. Die Zeit begann, ungeachtet diverser politischer wie stammtischtrüber Attacken, reif für seine persönliche wie experimentelle Art zu werden, über Schuld, Verantwortung, die Dialektik von Täter und Opfer zu reflektieren. Allerdings weist Feinberg auch darauf hin, daß Tabori, dem seit den neunziger Jahren als "Everybody's darling" mit Etiketten wie Theater-Guru, Magier, Altmeister gehuldigt wird, gut zehn Jahre zuvor noch "zeitweilig einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe" stellen mußte, während seine Münchener Schauspieltruppe von ABM-Geldern lebte.

          Zusammen mit der Zeittafel, einem Werkverzeichnis, einer soliden Auswahlbibliographie, einer knappen, aber beredten Fotoauswahl sowie mannigfachen Anmerkungen vermittelt Anat Feinberg ein so facettenreiches wie, allen anekdotischen Ausschweifungen des souverän zwischen Dichtung und Wahrheit wechselnden Causeurs Tabori zum Trotz, präzises Porträt. Jedoch ist es in einem derart hölzernen Trockendeutsch geschrieben, daß die Qualitäten hinsichtlich Recherchen und Quellenstudium manchmal zu verschwinden drohen: Schlecht zu lesen, gut zum Nachschlagen.

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