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: Der kosmonautische Kirchenvater

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Zum Sektenjünger taugt der Zweifler gewiss nicht, der sich und seine Forschungen mit den Worten erklärt: "Ich habe versucht aufzuzeigen, dass Dämonen und Teufel erfunden wurden, um einem raffinierten Stammesschamanen die Gelegenheit zu verschaffen, Macht über seine Mitmenschen zu gewinnen, indem ...

          Zum Sektenjünger taugt der Zweifler gewiss nicht, der sich und seine Forschungen mit den Worten erklärt: "Ich habe versucht aufzuzeigen, dass Dämonen und Teufel erfunden wurden, um einem raffinierten Stammesschamanen die Gelegenheit zu verschaffen, Macht über seine Mitmenschen zu gewinnen, indem er sich etwas ausdachte, wovor sie sich fürchten konnten, und dann als Deuter dieser Schrecken auftrat."

          Der Mann, der da spricht, hält es aus Prinzip nicht mit der suggestiblen Menge; er will ein kluger Einzelner sein, der mit anderen seiner Art regen geistigen Umgang pflegt: "Swift, Tennyson, Carroll, Verne, Dumas, Gibbon, Colonel Ingram, Shakespeare, Homer, Khayyam und die unbekannten Schöpfer der Mythen und Sagen aller Länder waren seine Ratgeber, Freunde und Spielgefährten gewesen, die ihn zwischen weggeworfene Bücher und Staub entführt und ihm seltsame Gedanken eingeblasen hatten, als er ein Kind gewesen war, mit marmeladenverschmiertem Gesicht und Dachbodenspinnweben auf dem Kopf."

          James Lowry, von dem die Rede ist, stellt sich uns vor als jung verheirateter Ethnologe und Weltreisender. Setzt man für die "Dämonen und Teufel", deren Existenz er resolut verneint, Sachen wie den "operierenden Thetan", die "suppressiven Personen" oder das "Engramm" ein, dann fasst seine kleine Priestertrugtheorie vom raffinierten Stammesmitglied, das mit derlei Begriffsschöpfungen "Macht über seine Mitmenschen" erlangt, triftig zusammen, was an vernünftiger Kritik der Glaubenssätze der "Church of Scientology" im Umlauf ist. Drolligerweise wurde diese Organisation allerdings von eben jenem L. Ron Hubbard gegründet, der sich den Entlarver Lowry ausgedacht und zum Helden seines gelungensten literarischen Kunststücks gemacht hat.

          Im Verlauf des Romans "Fear" (der auf Deutsch eine Zeitlang als "Das Grauen" lieferbar war, derzeit aber kurioserweise von den Scientology-nahen Verlagen, anders als manches erheblich schlechtere Hubbard-Produkt, offenbar nicht für würdig gehalten wird, den Ruhm des Kirchenvaters hierzulande zu mehren) verliert der gebeutelte Held erst seinen Hut, dann vier Stunden seines Lebens, schließlich zusehends den Willen, seine sieben Zwetschgen beieinanderzubehalten. Vor seinem Haus führt plötzlich eine Treppe ins Nichts, bald begegnet er sich selbst als Kind, kurz darauf einer offenbar allwissenden Frau, die überwiegend aus Nebel besteht, ferner einem heiligen Henker, einem lachenden Schatten und einem längst verwesten Mönch, dessen Gebeine der arme Professor vor einiger Zeit im Zuge einer Expedition ausgebuddelt hat. Zu den tückischen und eleganten Kniffen, mit denen der Autor den atmosphärisch dichten Rätselcharakter des Textes betont, gehört die dem Roman vorangestellte Warnung: "Dies ist keine sehr hübsche Geschichte, und man sollte sie auch nicht allein um Mitternacht lesen - denn es ist die reine Wahrheit, dass das Folgende jedem passieren kann. Selbst Sie könnten heute vier Stunden ihres Lebens verlieren und auf den Spuren von James Lowry wandeln müssen." Der Witz daran ist, dass diese Warnung auch einen Hinweis auf den Schlüssel zum Rätsel enthält: Nichts Übernatürliches steckt dahinter; Lowry bewohnt durchaus dieselbe Welt wie wir.

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