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: Der kann gar nicht dichten!

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Dieser Briefwechsel ist sensationell. Sicher, die Schriftsteller Werner Kraft und Wilhelm Lehmann sind nicht Sterne erster Größe. Aber sie waren bedeutend, jeder für sich. Und es sind viele Briefe, knapp sechshundert, die sie sich von 1931 bis 1968 schrieben, mit einer Unterbrechung zwischen August ...

          Dieser Briefwechsel ist sensationell. Sicher, die Schriftsteller Werner Kraft und Wilhelm Lehmann sind nicht Sterne erster Größe. Aber sie waren bedeutend, jeder für sich. Und es sind viele Briefe, knapp sechshundert, die sie sich von 1931 bis 1968 schrieben, mit einer Unterbrechung zwischen August 1937 und Oktober 1945, weil Werner Kraft als Jude im Juni 1933 aus Deutschland emigrieren musste und sich in Jerusalem niederließ. Eine Zeitlang korrespondierten sie auch danach weiter: über Dänemark, denn Lehmann lebte nicht weit von der Grenze, in Eckernförde.

          Kraft und Lehmann waren Freunde mit ähnlichen Interessen. Doch es war mehr als bloße Freundschaft, was sie verband: Da waren Bewunderung, Zuneigung, Liebe. Und wie so oft liebt einer etwas mehr als der andere, hier war das gewiss Werner Kraft. Seine Bewunderung aber hinderte ihn nicht, auch Kritik zu üben. Dass die Korrespondenz nicht nur extensiv, sondern ungewöhnlich intensiv ist, macht sie so interessant, auch aufgrund des Elementes "Klatsch", wozu hier vor allem die lockeren Beurteilungen vieler Autoren gehören. Und diese Korrespondenz ist ergreifend, bis zum letzten Satz Krafts an den sterbenden Freund: "Könnte ich bei Dir sein und Dir Trost zusprechen oder zuschweigen!"

          Rasch liest man sich fest, unterstützt von den Anmerkungen der Herausgeberin, die auch ein Nachwort hinzugefügt hat. Da teilt uns Ricarda Dick mit, dass Lehmann "gegen seine innerste Überzeugung" am 1. Mai 1933 in "die" Partei eingetreten ist: "Sorge um seinen Beruf und seinen Beamtenstatus" seien das Motiv gewesen (er war Studienrat an einer Realschule). Bemerkenswert ist, dass ebendies im Briefwechsel nie Thema wird. Leider sagt uns Ricarda Dick nicht, ob Kraft davon wusste. Man möchte es annehmen. Vielleicht hat ihm Lehmann es doch einmal gesagt, und Kraft sah darüber hinweg. Oder Kraft hat es nur vermutet und, den Freund schonend, nie danach gefragt.

          Wilhelm Lehmann lebte von 1882 bis 1968. Obwohl er auch Romane und Essays schrieb, ist er, wenn überhaupt, heute als Lyriker in Erinnerung. Drei Gedichte von ihm finden sich in Marcel Reich-Ranickis "Kanon", und in anderen Sammlungen stehen ebenfalls einige. Schon im Leben musste Lehmann lange auf Anerkennung warten. Gerade deshalb war ihm der Brief aus dem Jahr 1931 des damals fünfunddreißigjährigen Bibliotheksrats Kraft aus Hannover so wichtig. Er beantwortete ihn postwendend: "Ihr gütiger Brief ist ein so seltenes Geschenk, dass ich kaum weiß, wie ich Ihnen danken soll." Dann kam, kurz danach, "der von allen Göttern ausgespiene Kretin" an die Macht, so Kraft am 29. Januar 1933. Schon 1923 hatte Lehmann zusammen mit Robert Musil den Kleist-Preis bekommen. Breite Anerkennung aber erfuhr er erst in den fünfziger Jahren. Er gehörte 1949 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, auch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, der Pen-Club und die Bayerische Akademie der Schönen Künste machten ihn zum Mitglied.

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