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: Der Hunger der Katze

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Bilder zu den Erzählungen von Edgar Allan Poe zu zeichnen: Das muss der Versuch sein, das sichtbar zu machen, was sich der Beschreibung entzieht. Und das ist bei Poe nicht eben viel, denn ihm gelang es, die amerikanische Literatur aus dem Nichts auf internationales Niveau zu heben, ja, selbst zum ...

          Bilder zu den Erzählungen von Edgar Allan Poe zu zeichnen: Das muss der Versuch sein, das sichtbar zu machen, was sich der Beschreibung entzieht. Und das ist bei Poe nicht eben viel, denn ihm gelang es, die amerikanische Literatur aus dem Nichts auf internationales Niveau zu heben, ja, selbst zum Maßstab auch für fremdsprachige Kulturen zu werden - dadurch, dass er Worte fand für Dinge, die man sich zuvor niemals ausgemalt hatte. Um als Leser mit einer Zeile aus seinem Gedicht "The Raven" zu sprechen, die hundert Jahre später zum Vorbild für das ganze Schreiben seines Adepten H. P. Lovecraft werden sollte: Diese Erzählungen "thrilled me - filled me with fantastic terrors never felt before".

          Aber wie diese nie gefühlte Furcht zeichnen? Die Größten haben sich daran versucht: John Tenniel, Gustave Doré, Arthur Rackham, Alfred Kubin. Nun folgen ihnen die Jungen. Der deutsche Graphiker Dirk Rudolph löst den titelgebenden Raben des Gedichts in Tintenkleckse auf, aus denen ganze Schwärme von schwarzen Vögeln aufsteigen. Oder er setzt auf die ausgefranste Silhouette eines Raben ein riesiges Auge. So vermeidet er eine Illustration des Gedichtinhalts zugunsten einer assoziativen, beinahe surrealistischen Bildkomposition. Es sind dabei die besseren Beispiele in dem neuen Band "Illustrated Tales of Mystery and Imagination", die auf diese Art den Ausweg aus dem Dilemma finden, einen Autor bebildern zu wollen, der selber mit seinen Worten malt.

          Das Buch ist beim Berliner Gestalten-Verlag erschienen und bereits das vierte einer Reihe, die phantastische Texte (bis zum aktuellen Poe-Band hätte man auch sagen können: Märchen, denn die ersten drei Titel brachten eine Auswahl aus Grimms und Andersens Märchen und den Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht") von jungen Zeichnern aus aller Welt illustrieren lässt. Dabei bemüht sich der Spiritus rector des Projekts, Hendrik Hellige, um Abwechslung: Unter den Poe-Illustratoren war allein der Berliner Zeichner Jens Harder schon in einem früheren Band vertreten. Man muss allerdings sagen, dass Harders Zeichnungen zur Erzählung "MS. Found in a Bottle" so wunderbar geraten sind, dass man sich nur wünschen kann, dass er auch weiterhin dabei bleibt. Die von Harder bebilderte Geschichte bildet den Auftakt, abgeschlossen wird der englischsprachige Band mit "A Descent into the Maelstrøm". Diese Rahmung durch die beiden großen maritimen Untergangsgeschichten Poes spricht von einem dramaturgischen Gestaltungswillen beim Verlag, der in den früheren Märchenbänden nicht so deutlich zu spüren war. Jede Doppelseite des neuen Bandes weist nun mindestens eine halbseitengroße Illustration auf, der Respekt vor den Textvorlagen wird bereits durch das simple Faktum erkennbar, dass die meisten Bilder links zu finden sind - die Aufschlagseiten sind ganz überwiegend Poe vorbehalten.

          Manche Bildlösungen kann man kaum anders als brillant bezeichnen, Aaron Baggios schwarzweiße Illustrationen zu "The Black Cat" etwa. Und dies vor allem des letzten Bildes wegen, als das Mordopfer durch die mit ihm eingemauerte Katze gefunden wird. Bei Poe wird die Leiche beschrieben: "already greatly decayed and clotted with gore". Baggio nimmt diese weitgehende Verwesung dadurch auf, dass er einen Totenschädel zeichnet, in dem nur noch ein Augapfel sitzt. Das ist zweifach im unausgesprochenen Sinne Poes gedacht: Zunächst ist es die Aufnahme eines Motivs aus der Erzählung, dann auch die schwarze Katze ist einäugig; zum anderen aber lässt das Bild die Deutung zu, dass das fehlende Auge von der eingemauerten Katze in ihrem Hunger gefressen wurde - "terrors never felt before", fürwahr.

          Der japanische Illustrator Fuyuki hat sich des Vorbilds seines Landsmannes Yoshitoshi bedient, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit seinen Holzschnitten für einige der schönsten Nachtszenen der japanischen Kunst gesorgt hat - und auch für einige der schrecklichsten Gespensterdarstellungen: "Hundert Aspekte des Mondes" heißt seine berühmteste Serie. Deren Dekors glaubt man wiederzufinden in den ganzseitigen Bildern, die Fuyuki für die Maelstrøm-Erzählung geschaffen hat. Während Samuel Casal für "The Pit and the Pendulum" ein subtiles geometrisches Vexierspiel aus Kreisen und Dreiecken auf monochromen Bildern entfaltet, in denen die ausgemergelte Gestalt des Todgeweihten im Gestus eines Schmerzensmannes inszeniert wird. Mit dem Titelbild, das einen perückten Stutzer zeigt, der einen dreiarmigen Leuchter trägt - eine Hommage an Christopher Lee, der in mehreren Poe-Verfilmungen reüssierte -, muss man nicht glücklich werden.

          Dagegen sind die Illustrationen, die die Cover-Zeichnerin Vania Zouravliov für "The Facts in the Case of M. Valdemar" gemacht hat, überaus geglückt: Die in London lebende Graphikerin nahm alte Fotos und Votivbilder zur Vorlage, um dem hypnotisierten Sterbenden, von dem Poe erzählt, ein Antlitz zu geben. Auch hier setzt auf den Bildern die Verwesung ein, und zwar früher als bei Poe, der Valdemar erst im allerletzten Satz zur "beinahe flüssigen Masse aus etwas Widerlichem" verfallen lässt. Vania nimmt diesen Schockeffekt vorweg, ohne ihn zu entkräften. Der Text ist nicht minder sorgfältig überwacht worden, nur zwei flüchtige Fehler sind in den zehn Erzählungen und drei Gedichten zu finden. Wer einen Einblick ins Spektrum aktueller Graphik bekommen und vielleicht seine übersetzte Ausgabe um eine Auswahl von Poes Texten im Original ergänzen will oder wer einfach gut gemachte Bücher mit düsteren Texten schätzt, der dürfte an diesem Band seine helle Freude haben.

          ANDREAS PLATTHAUS

          Edgar Allan Poe: "Illustrated Tales of Mytery and Imagination". Verlag Die Gestalten, Berlin 2006. 192 S., 92 Abb., geb., 29,90 [Euro].

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