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: Der fröhliche Antichrist

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Und Jesus sprach: "Die Menschen denken wohl, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, um Zerwürfnisse zu bringen, Feuer, Schwert und Krieg." (Thomas-Evangelium)Auslegung: Wir haben uns eben geirrt. Mitnichten Bergpredigt, Love & Peace, sondern Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Genozid for ever.

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          Und Jesus sprach: "Die Menschen denken wohl, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, um Zerwürfnisse zu bringen, Feuer, Schwert und Krieg." (Thomas-Evangelium)

          Auslegung: Wir haben uns eben geirrt. Mitnichten Bergpredigt, Love & Peace, sondern Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Genozid for ever. Nun sind es zwei Jahrtausende, seitdem sich Jehova das letzte Mal auf Erden blicken ließ. Damals vergewaltigte ein Engel mit seinen ganz speziellen Engelsmethoden eine Jungfrau. Oder eher: Sie sagte "Jaaaaaah!", nachdem er sie überredet hatte zum . . ., ja, zu was eigentlich? Jedenfalls zeugte Jehova so seinen Sohn und sich selbst zugleich (denn Sohn und Geist und Vater sind eins), zeugte mal wieder sich selbst mit seinen speziellen Jehova-Methoden. Für uns: kleinere Verschnaufpausen zwischen den Massenmorden. Die Schöpfung: Sie ist böse.

          Mit dem Zitat aus dem Thomas-Evangelium und seiner schwarzgnostischen Exegese hat man das theologische Extrakt und die theologische Motivik von Kultautor Chuck Palahniuks zehntem Roman "Das Kainsmal". All seine Bücher und auch der neue Thriller repräsentieren so etwas wie populäre, schwarze Gnosis. Gnosis nennt man die Lehre von der Schöpfung durch einen bösen Gott und die Möglichkeit der Erlösung davon durch spirituelle Erkenntnis. Die schwarze Gnosis Palahniuks trifft ins Mark der Vereinigten Staaten, weil diese nach Palahniuk selbst eine - allerdings verunglückte - Form der Gnosis repräsentieren, eingerastet in der Endlosschleife der unerschütterbaren Erkenntnis von der eigenen Erwähltheit.

          In der amerikanischen Originalausgabe trägt das Buch als Titel einfach den Spitznamen der Hauptfigur, "Rant" - ein erfundener Name, der das Geräusch nachahmen soll, das entsteht, wenn sich menschliche Wesen übergeben. Beim Titel "Das Kainsmal" soll man offenbar an Theo-Thriller wie "Sakrileg" oder "Illuminati" denken, aber mit Dan Browns spirituellen Bestseller-Schinken hat "Rant" allenfalls den Hang zur Verschwörungstheorie gemein. Sprachlich und in seiner geradezu europäischen, wuchtigen Tendenz zur Negativität sollte man Palahniuk eher mit David Forster Wallace und Jonathan Lethem vergleichen. Wie in seinem Erstling "Fight Club" (1996), 1999 von David Finsher mit Brad Pitt virtuos zum Kultfilm gemacht, geht es um schräge Sekten, existentielle Extremzustände, Verschwörungstheorien und um die fäkalen Seiten der Schöpfung. Könnte man sich fightclubmäßig mit einer ganzen Nation auf einmal prügeln - man müsste Palahniuk dabei ein enormes Durchhaltevermögen und massive Schlagkraft bescheinigen. Die härtesten Antiamerikaner leben eben immer noch in den Vereinigten Staaten - und der literarische Anarchismus Palahniuks repräsentiert eindrucksvoll ein so ganz anderes Amerika.

          Küsse und Bisse

          Rant Casey ist eine charismatische Ausnahmeerscheinung in der bigotten Kleinstadt Middleton - der Roman spielt ein paar Jahrzehnte in der Zukunft. Er wird als Kind von einer Giftspinne, einer Schwarzen Witwe, gebissen, überlebt und findet Gefallen an den drogenartigen Vergiftungserscheinungen. So probiert er schon als kleiner Junge die ganze Fauna seiner Heimatlandschaft durch und lässt sich von allem beißen, was Giftzähne hat. Stundenlang liegt er auf dem Steppenboden und steckt seinen Arm in irgendwelche Erdlöcher und wartet auf die Klapperschlange, die ihn beißt und ihm wieder den ersehnten Kick verschafft. Seine Unterarme bilden bald eine ganze Kollektion von Giftzahnnarben.

          Wie Jesus verfügt Rant schon als Kind über übermenschliche Kräfte. Er hat eine Nase, mit der er am Geruch eines Menschen darauf zurückschließen kann, was dieser vor zwei Tagen zum Frühstück gegessen hat oder dass er mit Hepatitis infiziert ist. Wie eine Satansbratenversion des kleinen Nicks organisiert Rant Kinderstreiche der unkonventionellen Art, versteckt faule Eier im Rasen vor seinem Elternhaus, so dass der Rasenmäher ein bestialisch stinkendes Armageddon verursacht. Er infiziert sich absichtlich mit Tollwut und steckt absichtlich Mitbürger an, so dass es in Middleton bald eine Epidemie gibt. Wie bei Tom Sawyer findet Rant einen Goldschatz mit Dollars aus dem 19. Jahrhundert, verteilt das Geld mit vollen Händen unter den Kindern Middletons, so dass in der Kleinstadt eine veritable Inflation entsteht. Palahniuks Helden haben Geld, aber sie verachten es. Geld ist bei Palahniuk der Mehltau, der über dem ganzen Land, der ganzen Welt liegt.

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