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: Der fremde Bräutigam

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Berlin-Kreuzberg, Orient-Lounge, am vergangenen Mittwoch. Ein Roman wird vorgestellt: "Leyla" von Feridun Zaimoglu. Alles in Plüsch, schummriges Licht, gedämpfte Gespräche. Zaimoglu kauert auf einem rotgepolsterten Schemel hinter einem kleinen Mikrophonstrauß und liest in seiner märchenhaft-mäandernden Sprachmelodie ...

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          Berlin-Kreuzberg, Orient-Lounge, am vergangenen Mittwoch. Ein Roman wird vorgestellt: "Leyla" von Feridun Zaimoglu. Alles in Plüsch, schummriges Licht, gedämpfte Gespräche. Zaimoglu kauert auf einem rotgepolsterten Schemel hinter einem kleinen Mikrophonstrauß und liest in seiner märchenhaft-mäandernden Sprachmelodie aus seinem neuen Buch, ein Fernsehteam gibt strenge Anweisungen ans Publikum und an den Lesenden. "Dies ist eine Geschichte aus der alten Zeit. Es ist aber keine alte Geschichte. In Gottes Namen -" So beginnt "Leyla", ein deutscher Familienroman, aus einer fernen, fremden Welt.

          Später sitzen die Gäste in orientalischen Séparées, rauchen Wasserpfeife mit Pfirsichtabak und trinken Becks-Bier aus der Flasche. Es geht um Politik und Wahnsinn. Den iranischen Präsidenten, um Religion, die Feigheit und die Freiheit der Kunst. Ein jüdischer Schriftsteller spricht von seiner Angst und davon, daß die gewaltsamen Proteste gegen Karikaturen natürlich Effekte auf alle Künstler hätten, daß es Schriftsteller innerlich unfrei mache, daß man jetzt in einem Buch selbstverständlich nicht mehr über die Mißhandlung eines muslimischen Mädchens schreiben könne. Aus Angst vor den Folgen. Ein anderer Schriftsteller stimmt ihm zu.

          Feridun Zaimoglu ist gerade in andere Gespräche vertieft. Er, der gerade aus seinem Familienroman über die lebenslange Mißhandlung eines Mädchens, über die Mißhandlung von Frauen in der Provinz eines islamischen Landes gelesen hat, hört in diesem Moment nicht hin. Später wird er sagen, "nein", das spiele für ihn beim Schreiben alles keine Rolle, die Angst vor Fundamentalisten, die Angst vor möglichen Folgen. "Ich blende das aus."

          Das Land der Blassen

          All die Zeit, in der er an "Leyla" schrieb, hat er das ausgeblendet. Es hätte sonst nicht so ein wahres, schönes, fremdes Buch werden können. Das erzählt von der Macht der Religion, der Macht der Männer, den Kämpfen zwischen Moderne und Vormoderne in einem muslimischen Land, von der Geschichte einer Familie in der anatolischen Provinz in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Geschichte von "Leyla", die als jüngstes von fünf Geschwistern aufwächst unter der Herrschaft eines Schreckensvaters, die dazu erzogen wird, "nichts zu sehen, nichts zu hören, den Kopf abzuwenden und nichts zu wissen". Und die sich das Wissen erkämpft und die Macht des Erzählens und irgendwann, am Ende des Buches, mit ihrem fünf Monate alten Sohn den Weg in das Land der blassen Menschen, der Elektronik, der Arbeit und der Regeln findet - nach Deutschland.

          Auch Feridun Zaimoglu war fünf Monate alt, als er, 1964, mit seiner Mutter und Großmutter nach Deutschland kam, dem Vater folgte und sein Leben hier begann, in diesem fremden, kalten Land. Und die Geschichte, die er in "Leyla" erzählt, ist auch die Geschichte seiner eigenen Herkunft. Die Geschichte der Wurzeln der türkischen Einwandererkinder in einer anderen Welt. Zaimoglu erzählt, wie sein Vater, der inzwischen mit seiner Frau wieder in der Türkei lebt, das Manuskript des Buches Seite für Seite durchgearbeitet habe. Langsam, ganz langsam, sein Deutsch ist schlecht, mit dem Wörterbuch, nicht mehr als zwei bis drei Seiten am Tag. Und nur die Seiten, auf denen der Mann vorkommt, für den er als Vorbild diente, Metin, "der Schöne", Leylas Mann.

          Er ist es, den die Deutschlandsehnsucht plagt, im Buch. Der keine Zukunft sieht im eigenen Land und der, am Tag, als er Leyla heiratet, so beschrieben wird: "Der Schöne nestelt gedankenverloren an einer Plastikblüte, und da er meinen Blick bemerkt, sagt er, mach dich darauf gefaßt, daß ich bald fortgehe, von diesem Land, von diesen Menschen, ich habe sie so unendlich satt." Das sagt er seiner Braut am Hochzeitstag. Und daß er sie zunächst nicht mitnehmen könne in das neue Land. Sie hat dulden, leiden und schweigen gelernt, korrigiert ihn nur kurz in seiner Annahme, daß nicht etwa Berlin, sondern Bonn die Hauptstadt Deutschlands sei, worauf der Schöne wutentbrannt den Tisch verläßt. Seinen Ehemann korrigiert man nicht.

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