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: Der Eckensteher

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Die Literaturkritiker um einen herum klagen schon wieder, welch ein bescheidener Bücherherbst das in diesem Jahr wieder sei, wie wenig wirklich Gutes sich zu lesen finde. Und wie traurig das sei. Kann ja sein, kann ja sein, wahrscheinlich stimmt es nicht. Einen Mann jedenfalls müssen sie bei ihrer Lektüre bislang übersehen haben.

          Die Literaturkritiker um einen herum klagen schon wieder, welch ein bescheidener Bücherherbst das in diesem Jahr wieder sei, wie wenig wirklich Gutes sich zu lesen finde. Und wie traurig das sei. Kann ja sein, kann ja sein, wahrscheinlich stimmt es nicht. Einen Mann jedenfalls müssen sie bei ihrer Lektüre bislang übersehen haben. Obwohl das in diesem Jahr nicht leicht ist.

          Denn das wird sein Herbst. Er wird 75 Jahre alt und feiert das mit einer großen Jause. Die Stadt Hamburg feiert ihn mit einer Lebensausstellung, es erscheinen eine Bild-Biographie, eine zweibändige Werkbibliographie, eine Neuauflage seiner expressionistischen Gedichte und der zweite Band seines fantastischen Tagebuchs "Tabu". Das wird der Herbst des Peter Rühmkorf. Er hat es sich verdient.

          "Herein, herein", sagt seine Frau. "Sie werden schon sehnsüchtig erwartet." Ein kleines Haus am Hamburger Elbstrand. Ein Traum. Ein schmiedeeiserner Zaun davor, eine Veranda unter verzierten Holzgiebeln. Der Besucher muß zunächst am Haus vorbei, über den Hinterhof und eine winzigschmale Treppe hinauf. Im ersten Stock die Küche und "die gute Stube", wie Frau Rühmkorf sagt. Alte Sessel mit blauem Samt bezogen, alte Bilder an den Wänden. "Mein Mann ist selten hier. Es ist ihm zu ordentlich", sagt Eva Rühmkorf, die früher Bildungsministerin in Schleswig-Holstein war und in den Tagebüchern ihres Mannes immer nur E. heißt. Ein Stockwerk höher dann ist Peter Rühmkorfs Reich. Die Treppe steht hier voll mit Büchern, Rühmkorf-Porträts und Rühmkorf-Plakate hängen an den Wänden, am Ende der Treppe steht eine Waschmaschine umzingelt von immer neuen Bücherstapeln, dann die Tür zu seinem Zimmer, die sich öffnet.

          Wie schwer war es, Peter Rühmkorf zu treffen. Immer wieder hatte ich auf kleinen Postkarten um ein Treffen gebeten. Immer wieder bekam ich lange, lange Briefe zurück, warum es zeitlich gerade knapp sei, das Tagebuch ihn auffresse, die Arbeit, das Leben, die Schwäche. Es ginge nicht. Das Ganze oft umrankt mit einem Absagegedicht oder einer Zeichnung von einem dünnen Dichter mit Zigarette und großem Hut. Und beim Lesen dachte ich immer, daß die Zeit, in der ein so liebevoller Brief geschrieben wird, locker für zwei Interviews reichen würde. Nein, meinte er. So ein Gespräch, das brauche eben richtig Zeit.

          Das Zimmer ist klein. Die Decke flach. Alles voll mit Büchern. Rechts hinten steht sein Bett, mit einer Tagesdecke überzogen. Am Fußende der Fernseher. Auf der einen Seite Telefon, auf der anderen der Nachttisch mit Büchern und jeder Menge Medikamenten. Zigarettenschachteln liegen herum. Der Schreibtisch in der Mitte des Zimmers ist übersät mit einer Vielzahl von grünen Stiften und kleinen Scheren. Eine weiße, alte Olympia-Schreibmaschine steht schreibbereit da. Zwei blaßbunte Dahlien welken am Rand des Tisches vor sich hin. Eine SPD-Tasse wirbt für neue Inhalte. Es sind aber auch nur Stifte drin. Vom nahen Hafen hallt ein stetes, leises Hämmern herüber. Durch die Fenster sieht man Kräne, große Schiffe, die Elbe, den Himmel und den Strand.

          Wir sitzen an seinem Schreibtisch. Er dahinter. Ich davor. Hinter ihm die Bücherwand. Hinter mir der Fluß. "Nun. Worüber sprechen wir?" fragt er und sein viertelgoldner Schneidezahn blitzt. Und erzählt dann wie von selbst.

          Wenn er schreibt, sagt er, dann klappt er sich eine kleine orangefarbene Liege auf, die neben der Balkontür wartet, und setzt sich und schaut aufs Wasser und "kritzelt" auf das Papier im Schoß. So hat er es auch mit dem Tagebuch gemacht, von dem jetzt der zweite Band erscheint, der zeitlich eigentlich der erste ist. Vor fünf Jahren war bereits "Tabu I" erschienen, die Aufzeichnungen aus den Wende-Jahren 1989-1991, die von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen worden waren. Jetzt erscheinen die Tagebücher von 1971 und '72, als Peter Rühmkorf anfing, die Welt mitzuschreiben. Als er begann, das Leben aufzuzeichnen, ungeschönt, so wie es ist. "Die ersten Notizen sind ja Rapidnotizen", sagt er. Im "Rapidduktus" geschrieben. "Bloß, wenn ich es ein paar Tage später durch die Maschine gejagt habe, dann hat die Sache natürlich eine striktere Dramaturgie gekriegt."

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