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: Der Eckensteher

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Aber Rühmkorf schreibt weiter. Das Tagebuch führt er bis heute. Es ist in seiner Leichtigkeit, der schonungslosen Selbstanalyse und Alleswichtignehmerei die beste Mitschrift unserer Zeit. Sein Leben lang hat Peter Rühmkorf damit gehadert, daß er den großen Zeitroman, den er sich vorgenommen hatte, nie geschrieben hat. Arno Schmidt hatte ihn in einem Brief von 1957 dringend dazu aufgefordert: "Gerade Sie müßten es tun!", und seitdem fordert er es von sich selbst: Ich muß diesen Roman schreiben. Ich muß doch diesen Roman schreiben. Bis heute. Ohne zu wissen, daß er ihn natürlich längst geschrieben hat. Daß er ihn schreibt. Hier auf der orangenen Liege an der Elbe. Jeden Tag.

Und so sitzen wir an seinem Schreibtisch. "Brauchen wir vielleicht 'nen Sekt oder so was?" fragt er zwischendurch. Dann trinken wir Sekt aus einer blauen Flasche. Schiffe fahren am Fenster vorbei. Auf einer Boje schwankt eine lebensgroße Menschenfigur in den Wellen. Rühmkorf nimmt sich immer wieder eine Zigarette, kappt jeweils mit einer der kleinen Scheren und großer Präzision einen Teil des Filters. Er hustet immer wieder und sagt jedes Mal: "Ich darf das eigentlich nicht" und wird mit der Zeit ein wenig grau. Das Rauchen, das Reden, das Trinken ist ihm nicht gut bekommen. "Lassen Sie uns an die Luft gehen."

Er packt einen großen Leinenbeutel mit Medikamenten zusammen, und wir gehen spazieren. An der Elbe entlang zum Alten Schweden, einem riesigen Felsbrocken am Ufer, bei dessen Bergung aus dem Fluß Rühmkorf vor vielen Jahren dabeigewesen ist. Jetzt schimpft er auf vorbeibrausende Fahrradfahrer - "Die dürfen hier gar nicht fahren", sagt er grimmig. Es gießt in Strömen. Seine Frau hat uns Schirme mitgegeben, aber Rühmkorf sucht trotzdem Schutz auf einer überdachten Bank und sieht sehr verloren aus. Ein Radfahrer steigt ab und drängt sich neben ihn. Später fahren wir Taxi. Rühmkorf hat eine Art persönlichen Taxifahrer, den er immer anruft, wenn er längere Strecken fährt. Der hat extra für seinen Dichter eine Bukowski-CD eingelegt. Mit Lesungen von Texten über erfolglose, trinkfreudige Dichter. Die beiden lachen und lachen. Später, viel später im Steakhaus, in der Nähe seines kleinen privaten Archivs, in dem alle Briefe, alle noch unveröffentlichten Tagebücher, alle Lebensmitschriften des Peter Rühmkorf lagern, sitzen wir uns gegenüber. Trinken Bier und Rotwein. Am Nebentisch sitzt ein Paar, das miteinander über Handy telefoniert. Ein Liebesgespräch per Telefon. Rühmkorf ärgert sich: "Daß ich nichts zu schreiben dabeihabe. Daß ich das nicht mitschreiben kann."

Es wird eine Lücke sein, im Tagebuch 2004. Eine kleine Lücke in seinem großen Jahr. Jetzt müssen erst mal alle dieses Buch lesen. Mit dem alles begann. "Tabu II". Ohne Lücken. Seine Zeit.

VOLKER WEIDERMANN

Die kommenden Rühmkorfs: "Tabu II. Tagebücher 1971-1972", Rowohlt 2004, 399 Seiten, 22,90 Euro. "Wenn ich mal richtig ICH sag . . .", Biographie mit zahlreichen Abbildungen, Steidl 2004, 29,50 Euro. "Expressionistische Gedichte", Neuauflage bei Wagenbach 2004, 10,90 Euro. Und Wolfgang Rasch: Bibliographie Peter Rühmkorf. Zwei Bände, zusammen 814 Seiten, Aisthesis Verlag 2004, 98 Euro.

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