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: Der Eckensteher

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Die Jahre, die man jetzt nachlesen kann, waren die Jahre der vielleicht schwersten Krise im Leben des Dichters Peter Rühmkorf. Er hatte keinen Erfolg. Und vor allem: er hatte kein Geld. Seinen Job als Lektor bei Rowohlt hatte er schon seit ein paar Jahren aufgegeben, er schrieb für die Politpostille "konkret" ohne Honorar, sein Lebenserinnerungsbuch "Die Jahre, die ihr kennt" war gerade erst abgeschlossen. Er haderte mit sich, daß er keinen Roman schreiben konnte, versuchte mit aller Macht, die Theaterbühnen zu erobern, weil ihm schien, daß sich dort am einfachsten und schnellsten Geld verdienen ließe, schrieb drei Dramen gleichzeitig, die alle bei Kritik und Publikum durchfielen. Es war fürchterlich. "Es war wirklich eine ganz, ganz arme Bettelsituation. Ich war einfach arm und war schon froh, wenn ich in ,merian' oder ,Essen und Trinken' über meine Lieblingsspeisen schreiben konnte", sagt er jetzt. Und: "Meine Künste, für die ich glaubte auf der Welt zu sein, Gedichte schreiben zum Beispiel, das hatte sich ganz verflüchtigt."

Und in dieser schweren Zeit begann er also Tagebuch zu schreiben. Auch dies mit allergrößten Selbstzweifeln. "Das taugt doch alles nichts." Und im Juni 1972 klagte er: "Über ein Jahr schon Tagebuch u. immer noch keine literarisch oder philosophisch ernstzunehmende Wendung." Ärgerlich. Die Selbstanklagepunkte lauten erstens: Das ist nicht kunstvoll genug. Zweitens: Mein Leben ist nicht interessant. "Ich mit meinem kleinen, spitzweghaften Umkreis", sagt er jetzt. Das kann doch gar niemanden interessieren. "Überall waren hochinteressante Leben, die mir alle interessanter erschienen, als mein eigenes."

Und so schreibt er all die anderen Leben mit. Was entlaufene "Knackis", die er über Eva kennenlernt, so erzählen, Taxifahrer, die Putzfrau, der Bundespräsident, bei dem er zu einem Empfang geladen war und sich, so in Pulli und zerbeulter Hose, zum ersten Mal im Leben schlecht angezogen fühlte. Alle Menschen erscheinen gleich groß. Alles ist gleichermaßen interessant. Und muß mitgeschrieben werden. Auch die sich radikalisierende Politszene kommt immer wieder vor. Meinhof, immer wieder Meinhof. "Ich habe ihr geschrieben, sie soll aufhören mit dem Quatsch, mit dem selbstmörderischen Quatsch." Und hat nie eine Antwort erhalten. Rühmkorf beobachtet die sich radikalisierende Linke als Theaterzuschauer. "Es war eine komische Zeit damals", sagt er heute. "Und ich fühle mich selbst sehr als Eckensteher, weil ich eine ganz andere Art von linker Politik vertrat." So anders und so gemäßigt, daß es bei seinen öffentlichen Auftritten öfters zu Randalen kam. Nichts haßt der Ruhesucher mehr. Und vor einem Auftritt in Berlin, bei dem er auch die Protestierer fürchtet, träumt der Friedensmensch sich in eine Gewaltphantasie hinein: "Dann Pistole entsichern u. durchladen. Mitgeführte Marillengeistflasche entkorken, sich gemütlich einen eingießen . . .", schrieb er 1971.

Und: "Tabu: Ich! will! Nicht dazugehören!" hieß es in "Tabu I".

Und so steht Rühmkorf immer knapp daneben. Zweifelt an sich. Und blickt voller Neid und Ärger auf die Erfolge der Kollegen. Vor allem auf der Bühne. StraußHandkeBernhard. Er kann es nicht fassen. "Und ich?" fragt der Tagebuchschreiber immer wieder und fordert von sich selbst: "Ein Tagebuch so herzgewinnend offen führen, daß die Leute die Wahrheit am Ende für eine liebenswürdige Erscheinung halten. Das Gegenteil von Tagebüchern als literarischer Öffentlichkeit. Maxe Frisch." Zack! Sehr gut. Immer wieder bekommen die Kollegen einen mit. Ob der "reichlich mobile Charakter" Martin Walser oder der Zeitgeistvorauseiler Enzensberger. Rühmkorf tritt sie alle. Aber am schwersten doch immer sich selbst: "Eigentlich haben alle richtig was zu erzählen oder bewegen sich zumindest auf dramatische Verwicklungen zu, nur mein eigenes Leben ziemlich bedeutungslos außen vor." Schreibt er. Der Eckensteher. Er tut sich leid: "Wenn ich nicht so'n fideler Kerl wäre, könnte man mich fast schon ne tragische Erscheinung nennen."

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