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: Der Duft von Erdbeer-Kaugummi

  • Aktualisiert am

Brando heißt eigentlich Marlon. Diesen Namen hat ihm seine Mutter ausgesucht, aber die ist nun schon seit vielen Jahren tot. Brando lebt in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnsilo. Leicht hat er's nicht. Er ist zwölf, muß aber schon ziemlich oft allein zurechtkommen, denn sein Vater, der nett und nebensächlich ist, kann sich nur selten um ihn kümmern.

          Brando heißt eigentlich Marlon. Diesen Namen hat ihm seine Mutter ausgesucht, aber die ist nun schon seit vielen Jahren tot. Brando lebt in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnsilo. Leicht hat er's nicht. Er ist zwölf, muß aber schon ziemlich oft allein zurechtkommen, denn sein Vater, der nett und nebensächlich ist, kann sich nur selten um ihn kümmern. Brandos Freunde haben es noch weniger leicht. Der wendige Larsa braucht einen großen Teil seiner seelischen Kraft, um seinem alkoholsüchtigen Vater zu entwischen. Und der leicht zurückgebliebene Ola ist auch ganz verstört. Außerdem stinkt er nach Katzenpisse, das gehört zu seiner persönlichen Note.

          Um diese drei merkwürdigen Freunde und ihre Ferienabenteuer geht es - Abenteuer in dem eigenen Wohnviertel, denn zum Wegfahren hat niemand Geld und Zeit. Hier, wo sie sich auskennen wie in der eigenen Hosentasche, lauern ihnen eine Menge Gefahren auf. Mit den bigotten oder selbst hoch gefährdeten Erwachsenen kommen sie ganz gut zurande. Schwerer haben sie es mit den etwas älteren und etwas stärkeren Jungen aus der Nachbarstraße. Die nutzen jede Gelegenheit, um die kleineren zu verprügeln. Da muß man selbst listig und verschlagen sein, um einigermaßen heil davonzukommen. Und man braucht ein Rückzugsterritorium, wo die anderen nicht hinkönnen. Das ist der Schrottplatz, dessen dreibeinigen Höllenhund-Wächter Ola mit geheimnisvoller Kraft besänftigen kann. Auf dem Schrottplatz spielen die drei den Anflug der Enola Gay auf Hiroshima und den Abwurf der Atombombe.

          Es passiert aber auch sonst eine Menge. Ein Lastwagen kippt um und rollt seine Ladung mit Orangen mehr oder weniger durchs ganze Viertel. Mädchen flanieren vorbei wie Wesen aus einem anderen Kosmos und verströmen den Duft von Erdbeerkaugummis. Brando und Larsa knacken einen Automaten mit pornographischen Heftchen, um damit Geld zu machen. Sie angeln quecksilberverseuchte Fische im Stadtteich und verkaufen sie an das Fischgeschäft. Deren Besitzerin legt sie dann als "frischen Seefisch" ins Schaufenster. Die Erwachsenen sind nun mal so - entweder muß man sie milde behandeln, weil sie lieb und doof sind, oder man macht knallharte Geschäfte mit ihnen und wird mal eben über den Tisch gezogen. Am besten geht man ihnen aus dem Weg, weil sie häufig unberechenbar und fies reagieren, selbst wenn sie es gar nicht vorhaben.

          Es ist keine besonders anziehende Welt, in der Engströms kleine Helden aufwachsen. Das schwedische Modell des Wohlfahrtsstaats hat auch seine Unterschichten und Schattenseiten. Merkwürdig, daß man darüber in den Krimis von Sjöwall und Wahlöö oder in einem Jugendbuch wie diesem mehr mitbekommt als in allen offiziellen Sozialreports.

          Brandos Sommergeschichte beginnt mit einem auf fatale Weise erfolgreichen Elfmeter und endet mit einem Stückchen Schokolade - gewissermaßen ein unterkühlt-versöhnliches Ende. Dazwischen geht es ziemlich aufregend zu, manchmal auch beschaulich, aber nie sentimental. Was den schwungvoll geschrieben und mit derselben sprachlichen Dynamik übersetzten Roman letztlich so spannend macht, ist aber nicht diese Abfolge der kleinen, mal verlockenden, mal regelrecht gefährlichen Abenteuer. Es sind vielmehr die überaus lebendigen Dialoge und Gespräche zwischen den Hauptpersonen. Hier ist Engström auf Anhieb (dies ist sein Romandebüt) eine reife Leistung geglückt.

          Denn obwohl die Randstadt- und Schrottplatzwelt wirklich nicht paradiesisch zu nennen ist, obwohl die meisten Bewohner ihre Macken und Häßlichkeiten recht demonstrativ nach außen kehren, vermeidet Engström alle Sozialromantik. Die gibt es ja in zwei Versionen, in Schwarz und in Rosa. Schwarze Sozialromantik drückt aufs Gemüt und soll den Leser wütend machen. Dasselbe in Rosa verkitscht das Elend und predigt die verlogene Botschaft, daß Menschen in der Not nur um so solidarischer zusammenhalten, weil das Leid ihre besten Qualitäten aus ihnen herauslockt. Nichts davon hier, statt dessen ein ätzend-schonungsloser Blick auf die sozialen Unerfreulichkeiten, kombiniert mit einem beißenden, aber niemals zynischen Witz.

          Engström hat den Zwölfjährigen genau aufs Maul geschaut. Deren Sprache ist auf kunstvolle Weise authentisch. In ihr schwimmt auch vieles Unausgesprochene, über das manchmal bewußt, aber meistens unbewußt hinweggeredet wird, aber so, daß man es bei der Lektüre durchschaut. Brando, Larsa und der etwas unheimliche Ola gewinnen so ganz eigene Konturen. Unsere Sympathien haben sie schon lange, denn sie sind nicht nur ganz lebenstüchtige Bürschchen, wenn auch auf etwas verquere Weise. Es zeichnet sie auch ein besonderer Sinn für Fairneß und spontane Freundschaftlichkeit aus, was sie fast schon zu so etwas wie Rollenmodellen für Gleichaltrige macht. Am Ende, das Buch liest man mit roten Ohren viel rascher, als man erst gedacht hat, trennt man sich gar nicht leicht von diesem Trio, dessen Erfahrungshunger, Sammlerleidenschaft und lakonische Chuzpe auf jeder Seite imponieren.

          WILFRIED VON BREDOW

          Mikael Engström: "Brando". Aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer. Carl Hanser Verlag, München 2003. 248 S., geb. 14,90 [Euro]. Ab 12 J.

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