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: Der deutsche Dichter

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Wie fängt das an und wann? Wie wird einer zum deutschen Schriftsteller? Einer wie Zaimoglu? Ein Kümmel, ein Kanake, wie er sich selber nennt, einer aus dem anatolischen Bolu? Vor vierzig Jahren wurde er an einem Freitag morgen um vier Uhr siebenundfünfzig geboren, so hat er es später, einem Bericht seiner Mutter folgend, selber erzählt und aufgeschrieben.

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          Wie fängt das an und wann? Wie wird einer zum deutschen Schriftsteller? Einer wie Zaimoglu? Ein Kümmel, ein Kanake, wie er sich selber nennt, einer aus dem anatolischen Bolu? Vor vierzig Jahren wurde er an einem Freitag morgen um vier Uhr siebenundfünfzig geboren, so hat er es später, einem Bericht seiner Mutter folgend, selber erzählt und aufgeschrieben. Drei Minuten später schallte der Aufruf zum Morgengebet von den Zinnen des benachbarten Minaretts. Doch vorher noch erschallte der Ruf der Hebamme. Denn der frische Junge war in einer unversehrten Fruchtblase auf die Welt gekommen - ein kleines Wunder -, und auf ihr Schreien hin liefen das gesamte Krankenhauspersonal und einige humpelnde Kranke am Mutterbett zusammen. Und schon begann die Plünderung dieser wundersam erhaltenen Schutzhülle. Seine Mutter erzählte: "Jeder habe sich um ein Stück Fruchtblase gerissen, um es als Amulett gegen den Bösen Blick oder die Widerstände des Versuchers zu benutzen. Die sogenannte Juwelenhaut des Neugeborenen ist Gottesgabe, sagte sie, und wer sich damit wappnet, hat leichtes Spiel in kommenden Tagen."

          So kam der Dichter Feridun Zaimoglu im Zeichen eines großen Schutz- und Glücksversprechens, eines fremd anmutenden Wunderglaubens und einer schnellen Gebetsanrufung zur Welt. Und wenn kein Wort von seiner Geburtslegende stimmt, dann ist sie immerhin gut ausgedacht und gut erzählt. Den Schutz jedenfalls, den jene Hülle versprach, den konnte die Familie Zaimoglu bald gut gebrauchen. Denn sie machten sich auf in ein fremdes Land, nach Deutschland, das sie nicht gerade mit offenen Armen empfing, ihnen einen winzigen, verschimmelten Verschlag zum Wohnen zur Verfügung stellte und Arbeiten, die die Einheimischen schon lange nicht mehr übernehmen wollten. Die erste Zeit im neuen Land ist Angst, ist Fremdheit, sind tägliche Demütigungen, eine neue, unverständliche Sprache und die kalten, unbeweglichen Gesichter der Polizisten.

          Für Feridun Zaimoglu ist es schon bald die Schule. Und seine Lehrerin, Frau Hüve, dritte Klasse in der Grundschule am Amphionpark in München-Moosach. "Sie hat mir knallhart gesagt, es gibt keinen anderen Weg, du mußt die Sprache lernen, sonst fliegst du raus. Es gab ja genug Gründe, mich ins Abseits zu stellen und wehleidig zu jammern, daß ich armer Türkenbengel diese Sprache einfach nicht kann. Nichts da. Meine Lehrerin hat auch keine Entschuldigung gelten lassen. Und das war auch gut so", hat Zaimoglu vor einem Jahr in einem Interview einmal gesagt. Und dann war da der andere Lehrer, später, der Deutschlehrer, der ihn fragte, was er beruflich so vor habe. Zaimoglu sagte arglos, er wolle sich später in der Kunst umsehen, "in Schrift und Bild etwas bewerkstelligen". Daraufhin gab jener Deutschlehrer Zaimoglu den gutgemeinten Rat, sich doch bitte nicht zu verheben und besser Kfz-Mechaniker zu lernen. "Das sei Kunstfertigkeit genug für einen Türken."

          Irgendwo zwischen diesen beiden Schulerfahrungen ist der Schriftsteller Feridun Zaimoglu geboren worden. Zwischen diesem unbedingten Willen zur Sprache, zur neuen Sprache, die nicht die Muttersprache war, und der Rebellion gegen die Frechheit der Einheimischen, die den Neuankömmlingen mit aller Macht jenen Platz in der Gesellschaft anweisen, auf dem sie selbst nicht sitzen wollen. Empörung und Sprachbegeisterung. Das ist der Schriftsteller Zaimoglu. Gerade ist unter dem Titel "Zwölf Gramm Glück" ein neuer Erzählungsband von ihm erschienen. Ein schöner Grund, dieses Dichterleben, Dichterwerk genauer zu betrachten.

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