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Das Mädchen am DDR-Strand: Selbstvergessen tanzt da das glückliche Kind Angelika und wird zur Begehrten des Buches. Bild: Picture-Alliance

Debütroman von Emanuel Maeß : Die richtige romantische Drehzahl

  • -Aktualisiert am

Ein Junge sieht im letzten Sommer der DDR ein Mädchen am Strand. Ihr Bild lässt ihn von da an nicht mehr los: Emanuel Maeß entwickelt in „Gelenke des Lichts“ eine souverän erzählte Lebensliebesgeschichte.

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          Die Geschichte ist weder verschlungen noch verschachtelt. Noch da, wo die Handlung auf der Hälfte des Buches in einer berühmten englischen Universitätsstadt anlangt, geschieht nichts Furchtbares, wird nichts enthüllt oder aufgedeckt, sondern Cambridges herrliche Fassaden stellen das Bühnenbild für ein Stück namens Bildung. Dessen Figuren sind künftige Pastoren, Akademikerinnen, Schriftsteller und Investmentbanker.

          Ein Junge sieht im letzten Sommer der DDR ein Mädchen am Strand. Ihr Bild lässt ihn von da an nicht mehr los. Erzählt wird, wie sich ihre Wege von der frühen Jugend bis zum Ende seines Studiums selten, aber doch kreuzen. Wie er sein Leben aus der Distanz, aber durch die Heftigkeit der ersten Liebe mit ihrem verbunden fühlt, und mit welchen Lektüren, Studien, Begegnungen und Beobachtungen er die Lücken ihres Fernseins füllt. Erzählt wird ihre nur für ihn zu fühlende innere Anwesenheit, wie er lebt, als wäre es der Auftrag dieser Liebe an ihn, zu dem zu werden, der er ist. Davon handelt „Gelenke des Lichts“.

          Es handelt vom Abenteuer der Innerlichkeit im 21. Jahrhundert, davon, wie unsere Liebe Projektion, Phantasie ist, wie wir damit so umgehen, dass die Unerfülltheit uns nicht elend, schwer, träge und bitter macht, sondern lehrt, die Intensität selbst zu lieben und aus ihr Lebens- und Weisheitskapital zu schlagen – und dieses Gefühl als Brücke in die Literatur der Vergangenheit zu benutzen.

          Als wäre diese Prosa Poesie

          Das Buch ist mit 250 Seiten nicht lang, aber es leistet vieles. Es beschreibt die Atmosphäre eines Landpfarrerhaushalts mit der als Ärztin arbeitenden Mutter am Ende der DDR. Wir sehen Meiningen aus den Augen eines Gymnasiasten, Heidelberg aus der Sicht eines in der DDR regimefern und mit Religionsphilosophie aufgewachsenen Erstsemesters. Und wir betrachten Cambridge durch die Brille der Gelehrsamkeit desjenigen, der weiß, dass die von Hausarbeiten unterbrochene Party irgendwann zu Ende geht und die ganzen Intelligenz-PS dann auf die Straße der Karriere gebracht werden müssen.

          Sofern es also um die Chronologie und den Handlungsverlauf geht, macht es Emanuel Maeß in seinem Erstlingsroman keinem Leser sonderlich schwer. Aber was heißen schon Chronologie und Handlungsverlauf in einem Buch, das so oft das Gefühl auslöst, nicht auf der Welle der Erzählung bis zum Ende des Buchs durchgleiten zu wollen, sondern innehalten zu sollen, zurückblättern zu müssen. Denn das Zurücktauchen in die Vergangenheit, das Verweilen an Orten, die einen Verlust des Zeitgefühls herbeiführen, wie er leicht und sorglos nur in der Kindheit eintritt, das verlangsamt die Lesegeschwindigkeit, als wäre diese Prosa Poesie.

          Emanuel Maeß: „Gelenke des Lichts“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 254 S., geb., 20,– Euro.

          Und so liest man Sätze noch einmal und noch einmal, wunderbare Sätze wie diesen, gleich auf der ersten Seite, wenn die anthropomorphe Rede ist vom Mond: „Gelassen und ein wenig selbstgefällig ging er über meiner wachsenden Ungeduld und einer Reihenhaussiedlung auf der gegenüberliegenden Talseite auf und zog seine ewigen Bahnen.“ Den Mond in der Absicht, ihn zu kritisieren, zum Menschlichen herabzuholen, als wäre es nichts, im selben Satz das ihn anschauende Subjekt als ein unkonzentriertes, zur reinen Anschauung unfähiges zu skizzieren und dann den trotz allem erhabenen Mond mit dem Profanen zu kontrastieren, der Reihenhaussiedlung, das hat Witz und bleibt hängen.

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