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: Der Chronist des Grauens

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Knochendürr und beinahe unsichtbar, steht er vor dem Bahnhofsladen, in dem es viele seiner Bücher gibt. Der Mann mit dem Pferdeschwanz, in Zigarettenrauch getaucht, den Tagmenschen abgewandt, dreht sich um; Tropfenbrille, ein leicht müder Blick, die verwaschene Jeans, eine Erscheinung wie aus Hippiezeiten auferstanden, stellt sich mit sanfter Stimme vor.

          Knochendürr und beinahe unsichtbar, steht er vor dem Bahnhofsladen, in dem es viele seiner Bücher gibt. Der Mann mit dem Pferdeschwanz, in Zigarettenrauch getaucht, den Tagmenschen abgewandt, dreht sich um; Tropfenbrille, ein leicht müder Blick, die verwaschene Jeans, eine Erscheinung wie aus Hippiezeiten auferstanden, stellt sich mit sanfter Stimme vor. Wolfgang Hohlbein sein Name. Der Name für das Unbegreifliche. Mehr Phänomen als nur Autor ist dieser Mann, der inzwischen mehr als hundertsechzig Bücher, umgerechnet alle drei Monate durchschnittlich ein Buch, mit einer Auflage von insgesamt rund sieben Millionen schrieb.

          Mit offenem Verdeck jagt er den sportlichen Wagen hinein in die Herbstlandschaft, als wäre das hier nicht das Rheinland, sondern ein Highway irgendwo in Kalifornien. Eine halbe Stunde von Neuss entfernt, plötzlich, hält er neben einem Acker, vor einer Flucht von Reihenhäusern, die wie eine Trutzburg miteinander verwachsen sind. Den Eingang bewachen zwei Dämonen aus Stein. Aber was lehrt die Lektüre des umfangreichen Hohlbein-Werks, in einem immer neuen Zyklus? Nichts ist, wie es scheint.

          Erschossene Wirklichkeit

          In Hohlbeins Romanen bricht das Unbegreifliche, das andere mit der Impertinenz eines immer wiederkehrenden Zombies herein. Der Horror klopft spätestens auf Seite zehn in all seinen Formen und Schatten, ob Drache, Werwolf oder Geist, an bei der Wirklichkeit. "Aber was ist das, Wirklichkeit", fragt Wolfgang Hohlbein mit einer schwächer werdenden Stimme, als hätten seine Bücher schon zu viele Löcher in dieses Wort gerissen, und nun zieht es gewaltig zwischen dem Dies- und Jenseits.

          "Marks Atem beschleunigte sich, und seine Hände begannen zu zittern. Was geschah hier? Was geschah mit ihm?" So heißt es beispielsweise in dem Buch "Azrael", in dem ein biblischer Todesengel die Stadt Berlin überschattet. Oder: "All das, was er sich in seinen kühnsten Albträumen zusammengeträumt hatte, war wahr - und nicht nur das. Die Wahrheit war tausendmal schlimmer . . ." Zu der Erkenntnis kommt ein mittelalterlicher Schwertkämpfer, der auch Vampir ist, in der "Chronik der Unsterblichen".

          Ob das Buch nun in der Gegenwart oder im Mittelalter spielt, "Flut" oder "Die Templerin" heißt - Wolfgang Hohlbein beschreibt, so sagt er, "diese Mischung aus der Angst und dem Bedürfnis zu glauben, daß da noch mehr ist".

          Und doch scheint hier zunächst alles so, wie man es sich von dem erfolgreichsten Fantasy-Autor Deutschlands erwartet, fast zu perfekt. Der kleine Glastisch im Wohnzimmer, der von einem schwarzen Drachen getragen wird; Perserkatzen, die wie Gespenster herumhuschen. Als Dekoration des massiven Eßtisches reitet eine Hexe auf einem Kürbis. Die Wände zeigen Bilder von der Nacht und ihren Gestalten; in den Regalen stehen Elfen und andere Wesen, für die es keinen Namen gibt. Herr Hohlbein trinkt Kaffee, etwas müde sagt er, hier arbeite er also. Wenn es Tag ist. Aber schreiben, das geht nur bei Nacht.

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