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: Der Befreiungsschlag

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Wie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman "Komm zurück, Mutter" erschien in Amerika schon 2004, und ...

          Wie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman "Komm zurück, Mutter" erschien in Amerika schon 2004, und das französische Album "Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer" ist gar noch älter - es wurde 2002 publiziert. Der Abstand zu den Originalveröffentlichungen zeigt die Rückständigkeit des deutschen Comicmarktes, denn dass es sich bei beiden Werken um Meisterwerke handelt, pfiffen sämtliche Leser, die der fremden Sprachen mächtig waren, von den Dächern. Immerhin versöhnt der schöne Zufall, dass beide Titel nun gleichzeitig in unsere Buchläden kommen.

          Solche Bücher, die mit einem Schlag alles beiseiteschieben, was es bislang stilistisch gegeben hat, sind nicht allzu häufig. Eine vergleichsweise noch wenig etablierte Erzählform wie der Comic gewährt ihren Autoren zweifellos mehr diesbezügliche Möglichkeiten als die Literatur, deren gelehrte Ausleger sich seit Jahrhunderten um Einordnung und Abgrenzung bemühen und für jedes neue Werk schon aus Gründen der eigenen Spartenpflege rasch den passenden Genrebegriff parat haben. Bis der Comic diesen Status erreicht hat, werden noch etliche Jahrzehnte vergehen. Und bis dahin werden sich die Experten bemühen müssen, mit den Avantgardisten überhaupt Schritt zu halten.

          Aber sind der dreißigjährige Hornschemeier und sein elf Jahre älterer Kollege Patrice Killoffer überhaupt Avantgardisten? Ja, aber auf unterschiedlich deutlich erkennbare Weise. Über die Innovationskraft von Killoffer, seines Zeichens 1990 Mitbegründer der französischen Zeichnervereinigung "L'Association", die auch einen eigenen Verlag betreibt, muss man kein Wort verlieren, sondern nur eine der Seiten aus seinem Comic zeigen (der in Frankreich in einem Überformat erschienen ist, das sich der deutsche Reprodukt Verlag leider gespart hat). Es gibt keine Bildbegrenzungen darin, sondern einen einzigen graphischen Bewusstseinsstrom, der die Hauptfigur, Killoffer selbst, zunächst bei der Rückkehr von einem längeren Aufenthalt in Montreal nach Paris zeigt, sie dann als Rückblick im Alltag der kanadischen Metropole verfolgt, ehe sich die Erzählerfigur verselbständigt und als Vielfaches ihrer selbst all ihre geheimen Gelüste und Laster auszuleben beginnt - deshalb der Titel der 676 Erscheinungen, denn so viele Zeichnungen von Killoffer finden sich auf den 46 Seiten des Comicalbums, und nur die wenigsten davon zeigen jenes Erzähler-Ich, das der Autor als sein Alter Ego gelten lässt. Alle anderen repräsentieren unterdrückte Ebenen des eigenen Bewusstseins, die als Doppelgänger in die Geschichte eintreten. Auf dem Höhepunkt sind es rund dreißig Killoffers, die sich in einem gewaltigen Gemetzel wechselseitig umbringen - bis nur noch der wahre übrigbleibt.

          Der Verweis auf Freud liegt dabei nahe, doch er ist lächerlich, denn Killoffer ist ihm weit voraus. Das Schema aus Es, Ich und Über-Ich spielt keine Rolle, denn es sind lauter Unter-Ichs, die hier zum Schrecken des einstig-einzigen Killoffers saufend, prügelnd, vergewaltigend und mordend durch die Straßen ziehen, um sich alle wieder zuverlässig in der Wohnung zu versammeln, wo dann die Gewalt in Autoaggression umschlägt. Das sind allerdings sämtlich Phantasmen, die dadurch kenntlich gemacht werden, dass der Erzähltext, der bis zur ersten Spaltung acht Seiten lang von Montreal berichtete, aussetzt. Das Beunruhigende aber ist, dass dieser anfängliche persönliche Tonfall nie wieder einsetzt. Der Comic geht stumm zu Ende - die Erzählung bleibt Killoffers überschwenglicher Strenge verpflichtet, wenn sie einerseits auf Detailreichtum und perspektivische Verschachtelung setzt und sich andererseits durch Beschränkung auf Schwarzweiß und Adaption der Ligne Claire zur Dienerin einer Ausschweifung macht, die klaren Ritualen der Wiederholung folgt. Sade steht hier formell viel mehr Pate als inhaltlich.

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