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: Der Abschüttler

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Zu den am häufigsten zitierten Versen dieses großen Lyrikers zählen die ersten Zeilen des Gedichts "Der fliegende Robert": "Eskapismus, ruft ihr mir zu / vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich / bei diesem Sauwetter! - "So oft sind diese Zeilen zitiert worden, daß mancher sie schon für das ganze Gedicht halten mag.

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          Zu den am häufigsten zitierten Versen dieses großen Lyrikers zählen die ersten Zeilen des Gedichts "Der fliegende Robert": "Eskapismus, ruft ihr mir zu / vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich / bei diesem Sauwetter! - "

          So oft sind diese Zeilen zitiert worden, daß mancher sie schon für das ganze Gedicht halten mag. Aber es geht weiter, und was noch folgt, lohnt die Lektüre. Die letzten Zeilen lauten: "Ich hinterlasse nichts weiter / als eine Legende, / mit der ihr Neidhammel, wenn es draußen stürmt, / euern Kindern in den Ohren liegt, / damit sie euch nicht davonfliegen."

          Gut zwanzig Jahre alt ist dieses Gedicht, und die Legende seines Verfassers ist in diesem Zeitraum noch einmal beträchtlich größer geworden. Erfolg und Ruhm genießen auch andere Schriftsteller in Deutschland, aber das Wort Legende schmiegt sich keinem so widerstandslos an wie Hans Magnus Enzensberger. In ihm, so die Fama, haben wir einen, der ist schneller als die anderen. Heller und klüger als der Rest, geschickter und gewitzter, gescheiter und gewandter. Beweglicher eben. Ein Equilibrist, jeglichem Stillstand abhold. Und deshalb von uns, den Fußlahmen, Schwerfälligen, kaum auch nur mit Blicken zu verfolgen. In Hans Magnus Enzensberger, so die Legende, da haben wir einen, der ist seiner Zeit immer ein Stückchen voraus.

          Aber ist das nicht alles ganz falsch? Ist Hans Magnus Enzensberger nicht geworden, was er ist, weil er sich auf Wettläufe, die nicht zu gewinnen sind, schon lange nicht mehr einläßt? Nicht, daß er die Mühe scheute, oder daß er kein Herz für aussichtslose Unterfangen hätte. Aber auf sichere Niederlagen läßt er sich nur ein, wenn Kapital daraus zu schlagen ist, intellektuelles Kapital. Und poetisches. Wohl keiner seiner Lyrikbände läßt dies so deutlich erkennen wie der jüngste, "Die Geschichte der Wolken" mit ihren "99 Meditationen". Mit diesem Buch gibt sich Enzensberger als Apologet der Beharrlichkeit zu erkennen - und als Entschleuniger. Die Schärfe seiner Beobachtung verdankt sich eben nicht der höheren Geschwindigkeit, sondern der geringeren. Wenn Enzensberger, der den Dingen gern auf Augenhöhe begegnet, hier einmal als Beobachter einen höheren Standpunkt einnimmt, der besseren Aussicht wegen, dann tut er das nach Art des Ballonfahrers, der sich langsamer im Äther bewegt als jeder andere Mensch. Mit ihm teilt Enzensberger noch eine andere Kunst, die schönste und gefährlichste vielleicht von allen. Es ist die Kunst, Ballast abzuwerfen.

          "Ja, ich habe es vermieden, / bis zur letzten Patrone zu kämpfen. / Unterlassen habe ich es, / dem Penner die Bruderhand zu küssen, / und beizeiten zu gießen / die fleißigen Lieschen des Nachbarn." Was hier unter dem Titel "Unterlassungssünden" aufgezählt wird, ist kein Geständnis und keine Beichte. Die Welt nicht verbessert und manchen Anruf nicht beantwortet zu haben, wird zwar eingestanden. Scheinbar demütig heißt es in der vorletzten Zeile: "Wenn ihr könnt, verzeiht mir." Aber erst der Schluß, "Oder ihr laßt es bleiben", zeigt, was wirklich geschieht: Hier werden Zumutungen abgeschüttelt. Immer wieder geht es in diesen Versen um all das, was sich einer vom Leib halten will, weil er nur dann frei ist, frei genug ist für das, was ihm wichtig ist. "Je mehr da ist, / desto vermeidbarer ist das meiste. Nur / das Unauffällige bleibt, / seelenruhig", heißt es in dem Gedicht "Ein kleiner Beitrag zur Verminderung". Ganz ähnlich klang es schon vor acht Jahren, im Band "Kiosk". Damals hieß es in "Minimalprogramm": "Nur wer vieles übersieht, // kann manches sehen. / Das Ich: eine Hohlform, // definiert durch das, was es wegläßt. / Was man festhalten kann, // was einen festhält, das ist das Wenigste." Aber was mag es sein, dieses "Wenigste"? Eine mögliche Antwort darauf gibt die "Überflüssige Elegie": "Das Überflüssige, hüte es. Viel nämlich / bleibt nicht von Dir, wenn Du es fortwirfst."

          Aber auch die gehüteten Schätze können zur Last werden. "Endlich Ruhe!" ruft das lyrische Ich erleichtert. Aber dann sind da noch die Bücher, "die dir etwas ins Ohr wispern". Nicht zu vergessen die Wörter, die einen "anrempeln". Zum Verrücktwerden, "dieser Mückenschwarm / schwirrend im inneren Ohr". Die Schlaflosigkeit, an Schlaf ist "nimmer zu denken", ist ein wiederkehrendes Motiv, und im Ohr schwirren nicht nur Wortmücken, sondern auch Stimmen, eine zumindest, "immer dieselbe / Ja, ich bin gemeint". Die Botschaft? Zuletzt nur noch ein hoher Ton, der schmerzt, "wie von einem nassen Finger, der langsam, / langsam über den Rand eines dünnen Glases / streicht. Ein immer ferneres Klingeln, / das klingelt und mich nicht schlafen läßt."

          Oft wird gefragt, ob es nicht auch eine Nummer kleiner täte. Das Zeitalter der Globalisierung kommentiert Enzensberger mit einem "Kleinen Abgesang auf die Mobilität" - "Noch am ehesten auszuhalten / war es unter dem Birnbaum / zu Hause". Oder die Unendlichkeit zum Beispiel, ist sie wirklich erstrebenswert? "Allerhand nämlich hat es für sich, / daß das, was vorbei ist, vorbei ist." Halten wir uns lieber an die Natur und ihre Schwestern, die Göttinnen, die ihre Meisterschaft in der "Beschränkung" zeigen, und erfreuen wir uns an den "Vorzügen der Endlichkeit", von denen der Titel des Gedichts spricht. Enzensbergers Beispiel sind die Kirschen dort auf dem Teller, "endlich vielfarbig" und ein Genuß nur für kurze Zeit: "Morgen schon ist es aus mit ihnen, / aus und vorbei. Du mußt sie essen / jetzt oder nie."

          Die Beschränkung auf den Augenblick, der Genuß des Flüchtigen, die Wonnen des Gewöhnlichen, die Konzentration auf das scheinbar Überflüssige - Reduktion heißt das Programm. Aber es ist mehr Ehrgeiz als Tugend in dieser Bescheidenheit. Denn es geht ums Ganze, ums Glück, um die permanent gefährdete Fähigkeit, es zu empfinden. Das ist am deutlichsten in den zarten Liebesgedichten zu spüren, aus denen am schönsten die schlichte Dankbarkeit spricht für die so unwahrscheinliche Gegenwart des anderen.

          Gern wird die Perspektive gewechselt, vom Menschen, der sich wider besseres Wissen noch immer für das Maß aller Dinge hält, zur Natur auch in ihren kleinsten Bestandteilen und wieder zurück. Wenn das lyrische Ich der Worte überdrüssig ist, gilt noch immer das Wort aus dem Band "Blindenschrift" von 1964: "Wirf das Buch fort / und lies." Zum Beispiel in den Wolken, denen ein zwölfteiliger Zyklus gewidmet ist, Höhepunkt und Abschluß des Bandes (F.A.Z. vom 28. Februar). Hier, auf dem Rücken liegend, in die Betrachtung der Wolken vertieft, ist das lyrische Ich ein einziges Mal uneingeschränkt glücklich und vermutet, die Wolken seien "gedankenlos / glücklich wie ich". Einmal also Maßlosigkeit im Vergleich, wo sonst doch gerade aus dem Wahren der Proportionen bescheidenes Glück sprießen soll und bescheidene Erkenntnis: "Mit dem Rücken zur Gegenwart, / an die Reling gelehnt, sieht man weiter, sogar im Dunkeln." Und weiter: "So bemerkt man manches,/ erwartet wenig, / versäumt nichts."

          Wie mögen wohl die Sichtverhältnisse am Ort der größten und schrecklichsten Stille sein, stiller noch als in der stillsten Wolke? Niemand weiß es, denn noch ist keiner den Weg ins Auge des Orkans gegangen. Aber in diesem Dichter haben wir einen, der sich bestimmt sehr dafür interessiert.

          Hans Magnus Enzensberger: "Die Geschichte der Wolken". 99 Meditationen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 150 S., geb., 19,90 [Euro].

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