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: Der Abschüttler

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Aber auch die gehüteten Schätze können zur Last werden. "Endlich Ruhe!" ruft das lyrische Ich erleichtert. Aber dann sind da noch die Bücher, "die dir etwas ins Ohr wispern". Nicht zu vergessen die Wörter, die einen "anrempeln". Zum Verrücktwerden, "dieser Mückenschwarm / schwirrend im inneren Ohr". Die Schlaflosigkeit, an Schlaf ist "nimmer zu denken", ist ein wiederkehrendes Motiv, und im Ohr schwirren nicht nur Wortmücken, sondern auch Stimmen, eine zumindest, "immer dieselbe / Ja, ich bin gemeint". Die Botschaft? Zuletzt nur noch ein hoher Ton, der schmerzt, "wie von einem nassen Finger, der langsam, / langsam über den Rand eines dünnen Glases / streicht. Ein immer ferneres Klingeln, / das klingelt und mich nicht schlafen läßt."

Oft wird gefragt, ob es nicht auch eine Nummer kleiner täte. Das Zeitalter der Globalisierung kommentiert Enzensberger mit einem "Kleinen Abgesang auf die Mobilität" - "Noch am ehesten auszuhalten / war es unter dem Birnbaum / zu Hause". Oder die Unendlichkeit zum Beispiel, ist sie wirklich erstrebenswert? "Allerhand nämlich hat es für sich, / daß das, was vorbei ist, vorbei ist." Halten wir uns lieber an die Natur und ihre Schwestern, die Göttinnen, die ihre Meisterschaft in der "Beschränkung" zeigen, und erfreuen wir uns an den "Vorzügen der Endlichkeit", von denen der Titel des Gedichts spricht. Enzensbergers Beispiel sind die Kirschen dort auf dem Teller, "endlich vielfarbig" und ein Genuß nur für kurze Zeit: "Morgen schon ist es aus mit ihnen, / aus und vorbei. Du mußt sie essen / jetzt oder nie."

Die Beschränkung auf den Augenblick, der Genuß des Flüchtigen, die Wonnen des Gewöhnlichen, die Konzentration auf das scheinbar Überflüssige - Reduktion heißt das Programm. Aber es ist mehr Ehrgeiz als Tugend in dieser Bescheidenheit. Denn es geht ums Ganze, ums Glück, um die permanent gefährdete Fähigkeit, es zu empfinden. Das ist am deutlichsten in den zarten Liebesgedichten zu spüren, aus denen am schönsten die schlichte Dankbarkeit spricht für die so unwahrscheinliche Gegenwart des anderen.

Gern wird die Perspektive gewechselt, vom Menschen, der sich wider besseres Wissen noch immer für das Maß aller Dinge hält, zur Natur auch in ihren kleinsten Bestandteilen und wieder zurück. Wenn das lyrische Ich der Worte überdrüssig ist, gilt noch immer das Wort aus dem Band "Blindenschrift" von 1964: "Wirf das Buch fort / und lies." Zum Beispiel in den Wolken, denen ein zwölfteiliger Zyklus gewidmet ist, Höhepunkt und Abschluß des Bandes (F.A.Z. vom 28. Februar). Hier, auf dem Rücken liegend, in die Betrachtung der Wolken vertieft, ist das lyrische Ich ein einziges Mal uneingeschränkt glücklich und vermutet, die Wolken seien "gedankenlos / glücklich wie ich". Einmal also Maßlosigkeit im Vergleich, wo sonst doch gerade aus dem Wahren der Proportionen bescheidenes Glück sprießen soll und bescheidene Erkenntnis: "Mit dem Rücken zur Gegenwart, / an die Reling gelehnt, sieht man weiter, sogar im Dunkeln." Und weiter: "So bemerkt man manches,/ erwartet wenig, / versäumt nichts."

Wie mögen wohl die Sichtverhältnisse am Ort der größten und schrecklichsten Stille sein, stiller noch als in der stillsten Wolke? Niemand weiß es, denn noch ist keiner den Weg ins Auge des Orkans gegangen. Aber in diesem Dichter haben wir einen, der sich bestimmt sehr dafür interessiert.

Hans Magnus Enzensberger: "Die Geschichte der Wolken". 99 Meditationen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 150 S., geb., 19,90 [Euro].

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