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: Denken fürs Tagebuch

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Wohin beim ersten Sonnenschein? Wir fahren ans Meer. Mit der marebibliothek, die uns Geschichten vom Meer verspricht. Dort sind wir nicht allein. Wir treffen dort Carla. Die ist neunzehn Jahre alt und ein rechter Dussel. Carla möchte das Leben kennenlernen. Sie nimmt dazu einen Job als Zimmermädchen in der Ferienpension "Zum Deichgrafen" auf der Insel Langeoog an. Das kann heiter werden.

          Wohin beim ersten Sonnenschein? Wir fahren ans Meer. Mit der marebibliothek, die uns Geschichten vom Meer verspricht. Dort sind wir nicht allein. Wir treffen dort Carla. Die ist neunzehn Jahre alt und ein rechter Dussel. Carla möchte das Leben kennenlernen. Sie nimmt dazu einen Job als Zimmermädchen in der Ferienpension "Zum Deichgrafen" auf der Insel Langeoog an. Das kann heiter werden. Carla putzt alle Fenster und auch die Toiletten, denn: "wenn man ins Leben hinausgeht, soll man ganz unten anfangen . . . wer nicht fähig ist, ein schmutziges Klo mit Hingabe, Sorgfalt und Akribie auf das schönste zu reinigen und zu polieren, der darf auch später nicht irgendwas Höheres darstellen".

          Was sind das für antizyklische Aussichten von der Klobrille herunter! Am Feierabend liest das junge Zimmermädchen mit dem Klotick im Sand Thomas Manns "Tod in Venedig". Christa Wolfs dicken Roman "Kindheitsmuster" hat sie noch ungelesen im Gepäck stecken. Das bringt sie aber auch nicht weiter. Sie möchte gerne Journalistin werden, schreiben: "Schreiben bestimmt" nennt sie das Gefühl. Das probt sie in ihrem Tagebuch. Zu dem rennt sie hin, wenn ihr "wieder wichtige Gedanken gekommen" sind. Über diese Gedanken verliert sie dankenswerterweise kein Wort. Das Zimmermädchendasein ist öde. Bei der Arbeit singt Carla "Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt'". Das hilft ihr über die Runden, uns nicht.

          Dann endlich: Die Ärzte reisen an! Allesamt sind es Gynäkologen, die eine Tagung besuchen. Jetzt wird es richtig spannend. Das Herz klopft, der Kopf schwirrt. Carla, was wirst du tun? Prompt verguckt sie sich in einen Frauenarzt. Der wohnt in Nummer elf. Dem Elfer schüttet sie beim Bedienen rote Bete über die Hose und rubbelt dann am Mann in der Hose so lange herum, bis sie feststellen muß, "daß sich im Doktor eine gewisse Begeisterung regte". Carla, Carla! rufen wir. Und mit uns ruft die alte Chefin Frau Silke Sörensen: Carla, Carla! Der Doktorschlingel aber möchte auch an den kommenden Tagen nur das eine. Und das ganz schnell und ohne ein einziges romantisches Wörtchen. Der Doktor verliert den Zweikampf der Geschlechter, obwohl Carlas Blut auch heftig wallt. Aber so direkt, so ohne Umschweife möchte sie die Liebe nun auch wieder nicht haben. Dann eben nicht. Auf Wiedersehen, Gynäkologie. Damit ist die Dreigroschenheftgeschichte von dem Zimmermädchen auf Langeoog aus. Die marebibliothek hat ihr Versprechen nicht gehalten und ein Buch im Meer versenkt. Das Meer rauscht, als wäre nichts gewesen. Und wir stehen am Strand und trauen dem Meer nicht mehr, das solche seichten Bücher anschwemmt.

          EBERHARD RATHGEB.

          Annegret Held: "Das Zimmermädchen". Novelle. Herausgegeben von Denis Scheck. Band 7. marebuchverlag, Hamburg 2003. 250 S., geb., 18,- [Euro].

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