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Thriller von Denis Johnson : Gar nichts ist sicher!

Im Gegenteil: Der Mangel wächst, noch die eigene Wahrnehmung des Erzählers wird fragwürdig, wenn Nair einem Kontaktmann mit „winziger Persönlichkeit und Spatzengesicht“ gegenübersteht und auf einmal überrascht feststellen muss, dass der so groß ist wie er selbst: „Und so war selbst seine Größe eine Täuschung.“

Denis Johnson

Im Laufe des Weges, den der Roman mit Nair, Adriko und dessen amerikanischer Verlobten Davidia zurücklegt, werden auch die Wörter desto unzuverlässiger und trügerischer, je mehr sie für Lügen, Verschleierungen, Verzerrungen und andere Täuschungsmanöver benutzt werden.

„Welche Wörter soll ich benutzen? Widersinnig. Unmöglich. Nicht der Realität entsprechend“, sagt Nair einmal zu Adriko. Und weil man heute offenbar alternativen Fakten und Fake News nicht entkommt, entdeckt man sie retrospektiv auch noch in einem Roman aus dem Jahr 2014, weil Adriko mit dem fabelhaften Satz antwortet: „Die Realität ist keine Tatsache.“

Verschleißende Wörter

Während die Drei von Freetown nach Entebbe in Uganda und von dort über die grüne Grenze in den Kongo reisen, während sie in die Hände der kongolesischer Armee geraten, um schließlich zu den Bergen zu kommen, welche dem Roman seinen Titel gegeben haben, geht auch mehr verloren als nur Handy, Funkverbindung und Laptop.

Nair führt eine Art delirantes Tagebuch: delirant, weil er weitertrinkt, weil er nicht mehr zu wissen scheint, ob er nun seiner Amsterdamer Freundin (und Komplizin) Tina schreibt oder Adrikos Verlobter Davidia, in die er sich unsterblich verliebt zu haben glaubt.

Je länger seine Reise dauert, desto labyrinthischer wirkt sie. Er folgt, auf der Suche nach Michael, im Kongo zu Fuß dem Fahrrad eines Sargmachers, der zwei lilafarbene Kindersärge transportiert – und wenn man sich allein diese Szene in den Hügeln Afrikas vorzustellen versucht, hat das Buch sofort diese leicht surreale, drogenerleuchtete Stimmung, die man aus anderen Johnson-Büchern kennt.

Der Alkohol, den Nair mit örtlichen Kuhhirten teilt, Kochbananen und Zuckerrohr in einer Lösung fermentiert, hat auf die Erzählung in etwa die Wirkung, die Nair an einem Mann beschreibt, der „hereingeflogen kam, anscheinend auf den Schwingen der fantastischsten Droge, die jemals hergestellt worden war. Er redete in Zungen, seine Füße berührten den Boden nicht, er wurde allein von seinem Lächeln durch die Gegend getrieben.“

Fantastische Drogen

Ein Erzähler, der sich in einem vergleichbaren Gemütszustand befindet, könnte normalerweise ziemlich schnell nervig werden – aber es ist halt ein Erzähler in einem Roman von Denis Johnson, der einem lauter solche Sätze schenkt, die man sich einrahmen könnte.

„Die lachenden Ungeheuer“ ist deshalb ein Roman wie ein Malariafiebertraum oder wie ein Protokoll aus einem Rausch, in dem die Dinge scheinbar klarer werden als im nüchternen Zustand. Da muss man gar nicht, weil es halt der Kongo ist, sofort auf Joseph Conrad und „Herz der Finsternis“ verweisen, obwohl es natürlich nie falsch sein kann, an diesen Roman zu denken.

Roland Nairs Reise durch den Kontinent hat ihre eigene Logik. Sie verlässt nicht erst am Ende den ausgetretenen Weg des Agententhrillerplots. Da ist unterwegs längst etwas porös geworden, da geht es weniger um Aufklärung eines Falls als um individuelle Erlösung, weniger ums Erinnern als ums Vergessen. Und man sollte sich nichts vormachen: Auch der Tatsachencharakter der Realität hat im Zuge dieser Entwicklung schwer gelitten.

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