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Debütromane der Saison : Das deutsche Wollmausmassaker

  • -Aktualisiert am

In der deutschen Roman-Debütantenwelt ist gut was los in diesem Herbst. Es gibt unglaublich viel schwulen Sex und sehr wenig blasse Mädchen. Und einen Hang zu Pathos und Exzessen.

          Nach acht, neun Büchern beginnt alles langsam zu verschwimmen, und alles scheint mit allem zusammenzuhängen: Der Massenmörder mit dem zerrupften grünen Haar, der die Liebhaber seiner Kolleginnen tötet, ist das jetzt derselbe, der die Mutter des kämpferischen Russenmädchens umgebracht hat? Ist es die Mutter, die als Wasserleiche an einem Flussufer gefunden wird, die der Finder am Ufer liegen lässt, weil er lieber auf einer Schwulensexparty versinkt? Und das muss doch dann der Junge von der Zürcher Goldküste sein, der in den Schwulenclubs der Welt noch das letzte Krümelchen Kokain von den Klobrillen schnüffelt. Und wo stand noch mal der Satz „gemeinsame Sommerbetrunkenheit ist etwas vom Schönsten, was es gibt“?

          In der deutschen Roman-Debütantenwelt ist gut was los in diesem Herbst. Es gibt unglaublich viel schwulen Sex und sehr wenig blasse Mädchen. Wer also unbedingt einen Trend sucht unter den Büchern der Neubeginner, der kann das schon mal aufschreiben. Außerdem ist der Hang zum Familienroman, der die Geschichte der Vorfahren bis in die Nazizeit zurückerzählt, erst einmal wieder gestoppt worden. Nur noch ein Debüt beschäftigt sich damit. Es gibt einen ganz erstaunlichen Mut zum Pathos, der gern auch mal zum Übermut wird: „Die Schönheit deiner Seele wird uns retten.“ Zum Beispiel. Hatte man lange nicht gelesen. Handwerklich ist das meiste sehr gut, und wirklich interessant und neu und großartig ist nur weniges.

          Trinken, feiern, schreiben

          Den Roman dieses Herbstes, in dem all der Wahnsinn, die Verschwendungssucht und der Untergang beschrieben werden, den hat der fünfundzwanzigjährige Schweizer Pippin Wigglesworth geschrieben. Ein Selbsterfahrungsbericht von der Zürcher Goldküste: junger Mann, unendlich reich, in großer Lebensfeier- und Untergangsstimmung. Die Nase immer voller Koks, die Sätze schnell: „Die Sonne brannte, der Joint flashte, der Alkohol knallte, und die Nase, ja die lief.“

          Debüt eines Vollprofis: Mathias Gatza

          Muss immer was los sein, das Leben erleben, immer am Abgrund: „und ich schlitzte mir, damit nichts Wesentliches passiert, vorsichtig die Arme auf.“ Trinken, leben, feiern, tanzen, bis alles weg ist, Geld, Energie, Gesundheit und Verstand. Und am Ende also Nüchternheit, Entzug, Depression und: Buch schreiben. Ein Buch mit vielen schönen Sätzen, aber so gut es in diesen Herbst des Finanzdesasters passt, man hat es halt dann doch schon etwas zu oft gelesen, diese delirierenden Nachtfeiermitschriften.

          Immer bis zum Exzess

          Auch Gunther Geltinger, 34, beschreibt Exzesse. Exzesse der Liebe. In seinem Roman „Mensch Engel“ ist alles weit weniger reich, aber mindestens ebenso existentiell. Das Buch ist herrlich und schauderhaft zugleich. Schon allein, dass der Protagonist „Engel“ heißt, nervt ungemein. „Doch Engel fiel“, „Mensch Engel“ und so weiter, da wird kein Namenspathos ausgelassen. Auch sonst lässt Geltinger nur die größten Worte zu, manchmal halbironisch kommentiert: „Wegen einer einzigen schlaflosen Nacht verhängt er eine Sonnenfinsternis über sein Leben wie Gott bei der Kreuzigung über die Erde!“ Es ist eine schwule Initiationsgeschichte, mit der Liebe als blutschwerem Schicksalsbeil über allem. Voller Pathos, Mut und Abstürzen in tiefe Stilblütentäler.

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