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Krimi für den Spätsommer : Eine solche Frau muss ein Monster sein

Arbeitete wie ihre etwas zu perfekte Romanheldin lange für den BBC: Renee Knight. Bild: Andrew Crowley

Bei der perfekten Catherine läuft alles perfekt – bis eine Buchsendung ihr Leben auf den Kopf stellt. Renee Knight gräbt in ihrem Debüt „Deadline“ im Schmutz vergangener Affären.

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          Wenn unangenehme Dinge aus der Vergangenheit wieder hochkommen, die dort zwanzig Jahre in seliger Vergessenheit gelagert haben, dann ist das für niemanden angenehm – außer für den Leser von Spannungsromanen. Denn natürlich will man wissen, wie das damals war, und natürlich will man das auch im Falle von Renee Knights Roman „Deadline“ wissen. Und natürlich tut man gut daran, den Protagonisten nicht allzu sehr über den Weg zu trauen.

          Catherine Ravenscroft mag eine erfolgreiche Dokumentarfilmerin sein – wie auch die Autorin selbst, die lange für die BBC arbeitete, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte –, aber ist diese glücklich verheiratete Frau nicht ein bisschen zu perfekt? Ein bisschen zu kühl? Fremdelt sie nicht irgendwie mit ihrem Sohn? Und was hat sie zu verbergen, das sie niemandem, nicht einmal ihrem Ehemann, anvertrauen wollte? Und dieser Möchtegernschriftsteller Stephen Brigstocke, der sich nach dem Tod seiner Frau Nancy ganz seiner Verwahrlosung und seinen Racheplänen hingibt, der muss auch an der Grenze zum Wahnsinn stehen, wenn nicht sogar schon mit einem Bein darüber. So denkt man, und so denken sämtliche Nebenfiguren in diesem Roman.

          Affäre mit Folgen

          Ausgangspunkt ist ein Roman, den Stephen Brigstocke nach Aufzeichnungen seiner Frau veröffentlicht, die einst ihre Autorenkarriere für die Familie opferte. Und der Catherine, die dieses Buch in der Post findet und liest, völlig aus dem Tritt bringt – denn darin findet sich das Geheimnis, die unerhörte Begebenheit von vor zwanzig Jahren, offenbar getreulich nacherzählt mit leicht veränderten Namen. Am Ende wird die Hauptfigur umgebracht, und spätestens da bekommt Catherine Panik und macht sich auf die Suche nach dem Autor.

          Als Dokumentarfilmerin, die normalerweise in Pädophilenkreisen recherchiert, ist sie es gewohnt, Menschen hinterherzurecherchieren, die lieber im Verborgenen bleiben möchten. Und so lässt sie sich auch nicht davon abbringen, als das Buch ihrem Mann in die Hände fällt, als er sich mit dem Sohn gegen sie verbündet und sich von ihr trennt. Denn diese Affäre damals könne er ihr nicht verzeihen, brüllt er, rastet ein bisschen aus und wirft sie aus der gemeinsamen Wohnung.

          Immer wichtiger wird dieses Geheimnis, und je mehr wir darüber erfahren, desto klarer wird es uns: Die schöne, junge Catherine hat im Spanien-Urlaub eine Affäre mit einem noch jüngeren Mann begonnen, ihren damals kleinen Sohn vernachlässigt, während der Gatte nur ein paar Tage abwesend war. Die Katastrophe, als der Sohn mit seinem Gummiboot aufs Meer hinaustreibt. Der junge Mann, der ihn rettet und dabei umkommt. Die kühle Catherine, die darüber nie wieder ein Wort verliert – diese Frau muss ein Monstrum sein. Ist es nicht verständlich, dass man sich an ihr rächen möchte?

          Des Rätsels Lösung: Zu harmonisch

          Aber das ist nur die Außensicht, der Blick auf Catherine, auf den wir uns als Leser lange verlassen müssen, während wir Stephen Brigstocke von ganz tief innen kennenlernen. Auch er kein Sympath, aber doch das Opfer, er ist schließlich der Vater des heldenhaften jungen Mannes.

          All das ist spannend gemacht und wird auf eine Weise aufgelöst, die sich so nicht erahnen lässt, aber dennoch plausibel ist – empfehlenswerte Krimiliteratur für den Spätsommerurlaub also. Umso bedauerlicher, dass Renee Knight ihre Figuren am Ende gar nicht mehr loslassen mag, bis nicht eine jede Verästelung in allerschönster Harmonie aufgelöst ist. Da wäre weniger Schwelgerei in totaler und letztgültiger Durcherklärerei und mehr Luft fürs Personal der wirkungsvollere Ausstieg gewesen.

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