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Deborah Feldmans „Überbitten“ : Neue Heimat im verteufelten Berlin

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Für viele noch immer ein Tabu

Feldman ließ die Sicherheit ihrer Herkunft hinter sich, um sie gegen die Unsicherheit des metropolitanen Alltags einzutauschen. Zwar ging sie aufs College, gewann erste Freunde, fand eine Vorschule für ihren Sohn. Doch kaum hatte sie sich aus dem Getto ihrer Kindheit in Brooklyn befreit, fand sie sich in einem anderen wieder: dem der reichen Juden an der Upper East Side. Dort erlebte Feldman existentielle Not, den Zynismus der Superreichen, die ihr ein Gefühl von Unzugehörigkeit vermittelten, und entschloss sich zur traumatischen Eizellenspende. Doch Feldman hielt auf Anraten ihrer Anwältin im juristisch liberalen Manhattan durch und gewann so den Sorgerechtsstreit gegen ihren ultrakonservativen Mann. Um die Rolle der Bestsellerautorin abzustreifen, zog sie aufs Land und eignete sich dort in diesmal selbstgewählter Abgeschiedenheit einen Kanon aufgeklärter jüdischer Autoren an. Mit Jean Améry, Primo Levi, Imre Kertész, Joseph Roth und vielen anderen Schriftstellern wird Deborah Feldmans Leben vollends zum Entwicklungsroman.

Deborah Feldman: „Überbitten“. Eine autobiografische Erzählung. Aus dem Englischen von Christian Ruzicska. Secessions Verlag für Literatur, Zürich 2017. 704 S., geb., 28,– €.

In New England lernt sie einen Künstler kennen, mit dem sie ihre ersten Reisen nach Europa unternimmt. Eine Jüdin, die mit dem Fundamentalismus ihrer Kindheit bricht, begibt sich auf die Suche nach jüdischen Identitäten und findet: philosemitische Begeisterung in Deutschland, neu erstarkenden Antisemitismus in Ungarn, gespenstische Abwesenheit jüdischen Lebens in Spanien, jüdische Folklore in Paris – so ziemlich alles, nur keinen entspannten Umgang mit dem jüdischen Erbe. Ein globales Judentum scheint sich in Europa vorerst nicht realisieren zu lassen. Am ehesten noch eine gelebte Alltagstoleranz ausgerechnet im Land der Yekkes, einer aufgrund ihres Assimilationswillens von Chassiden besonders verachteten Gruppe von Juden. Denn hatte nicht auch deren Weg geradewegs in die Konzentrationslager geführt? Ein Leben in Deutschland ist für viele Juden, mit denen Feldman spricht, noch immer ein Tabu.

Eine dauerhafte Behausung finden

In Berlin kommt sie trotz dieser Widersprüche zur Ruhe. Es klingt unwahrscheinlich, aber ein Kreis schließt sich. Sprachlich, denn das Jiddische besteht zum Großteil aus deutschen Lehnwörtern. Biographisch, denn großväterlicherseits weist Feldmans Stammbaum nach Deutschland. Und mit dem Fall Marcel Zech endlich auch psychologisch. Man liest all das mit wachsendem Interesse. Wer möchte, kann in Feldmans autobiographischem Bericht aber noch zu tieferen Einsichten kommen. Denn von Beginn an hat die Autorin mehr als eine Enthüllungsstory verfassen wollen. „Überbitten“ gliedert sich in sieben Kapitel, die der Struktur des landwirtschaftlichen Zyklus im alten Israel nachempfunden sind: Alle sieben Jahre muss ein Acker ein Jahr lang ruhen. Dieses Schabbat-Jahr folgt der Übersiedelung Deborah Feldmans nach Berlin.

Doch es gibt noch eine zweite, tiefere Verbindung zur Überlieferung. Die seltsame Idee nämlich, dass der tote Buchstabe einen lebendigen Glauben begründen kann. Das Alte Testament wird für das Volk Israel zum Träger einer neuen vergeistigten Form von Identität, die Jan Assmann einmal „portatives Vaterland“ genannt hat. Das eigentlich Faszinierende an Deborah Feldmans Lebensmitschrift ist das Anknüpfen an diese jüdische Tradition – an den Versuch, im aufnotierten Wort eine dauerhafte Behausung zu finden.

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