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Davit Gabunias Roman : Zimmer mit Aussicht auf einen Umsturz

Großdemonstration 2012 in Tiflis gegen den damaligen Präsidenten Sakaschwili Bild: dpa

Hoffentlich wird alles anders, hoffentlich ändert sich nichts: Davit Gabunias Roman „Farben der Nacht“ erzählt davon, wie der Machtwechsel 2012 in Tiflis die persönliche und politische Welt der Georgier auf den Kopf gestellt hat.

          Als Surab, einunddreißig Jahre alt und schon länger arbeitslos, endlich die Zusage für einen Job hat, einen guten sogar, einen im georgischen Sicherheitsministerium, will er die frohe Nachricht mit seiner Frau Tina teilen. Die aber ist plötzlich verschwunden, und Surab, der sich den Weg durch die Menschenmenge bahnt, die in Tiflis gegen die Regierung demonstriert, findet Tina weder in ihrem Büro in der Innenstadt noch bei Verwandten oder Freunden. Auch die Polizei hilft ihm nicht weiter: „Jetzt, wo das ganze Land in die Luft zu fliegen droht“, sagt man ihm, habe niemand Zeit für Surabs „kleine Sorgen“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Davit Gabunias Roman „Farben der Nacht“, der im vergangenen Jahr im georgischen Original erschienen ist und jetzt auf Deutsch vorliegt, spielt in der Zeit zwischen dem 18. August und dem 22.September 2012, die Georgien zwar nicht explodieren ließ, aber schließlich in eine Parlamentswahl mündete, die einen fundamentalen Machtwechsel hervorbrachte. Schauplatz des Romans aber ist nicht die große Bühne der Politik, sondern fast ausschließlich eine Wohnung, von deren Balkon aus Surab in den Hof einer trostlosen Anlage blickt und die Zeit totschlägt. Dann zieht im Haus gegenüber ein neuer Mieter ein, der nicht nur wegen seines knallroten Alfa Romeos, den er im Hof parkt, auf Surab wie ein Paradiesvogel wirkt. Von nun an beobachtet Surab den Nachbarn, dessen dünne Gardine das Geschehen in der Wohnung nur unzureichend verbirgt. Er registriert, wie jener Schotiko regelmäßig den Besuch eines älteren Liebhabers empfängt, wenn alle Welt schläft – bis auf Surab, der eigens wach bleibt. „Was interessiert mich das alles, warum starre ich hinüber?“, fragt er sich anfangs noch mit einigem Recht, nur um wenig später einen Feldstecher für die bessere Sicht der Details zu vermissen. Und einige Zeit später seufzt er: „Was könnte ich alles zu hören bekommen, wenn ich ein Abhörgerät in ihrer Wohnung hätte.“ Schließlich nimmt er sich heimlich die Kamera seiner Frau, zoomt sich an das Geschehen heran und schießt hunderte Fotos.

          „Soll er nur stehen und schauen“

          Natürlich liegt der Vergleich zu Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ nahe, und der Autor Davit Gabunia, einer der bekanntesten Dramatiker und Literaturkritiker Georgiens, spielt durchaus mit der Erinnerung an den Filmklassiker von 1954. Nur dass sein Surab, anders als Hitchcocks nach einem Beinbruch auf den Rollstuhl angewiesener Fotograf, eigentlich in der Wohnung und mit den beiden Kindern genug zu tun hätte, schließlich war das die Abmachung, die seine Frau und er miteinander getroffen hatten, als sein Betrieb geschlossen worden war: „Tina meinte, kein Problem, dann schaust du erst mal nach den Kindern, und ich geh arbeiten.“ Natürlich wird das dann doch zum Problem, offensichtlich für Surab und etwas weniger offensichtlich für Tina. Surab wird bequem, nimmt, wie er einräumt, „ein bisschen“ zu, verbringt mehr Zeit auf dem Sofa und vor dem Fernseher, als gut für ihn ist, und wenn sein alter Kumpel Ika vorbeikommt, auch er gerade ohne Job, trinkt und kifft er mit ihm.

          Paarkonstellationen wie die von Surab und Tina sind nicht selten in der georgischen Gegenwartsliteratur, und auch die Probleme, die sich daraus ergeben. Gabunia aber wählt für seinen Roman von vornherein eine Struktur, die das Geschehen von mehreren Seiten beleuchtet und zugleich in einen größeren Zusammenhang einbettet: „Farben der Nacht“ besteht aus elf Kapiteln unterschiedlicher Länge, die jeweils die Perspektive eines Protagonisten einnehmen – neben Surab und Tina sind das etwa deren greise Nachbarin Lili, Tinas Kollege Nuri oder Geheimdienstler Merab. Ganz am Schluß meldet sich sogar noch Schotiko zu Wort, Merabs Geliebter: Er beendet seinen auf Surab gemünzten inneren Monolog mit dem Satz: „Soll er nur stehen und schauen“ und schließt so den Kreis zum ersten Satz des Romans: „Er steht und schaut.“

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