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David Wroblewski: Die Geschichte des Edgar Sawtelle : Sitz! Platz! Guter Hund!

Bild: Verlag

David Wroblewski erzählt in einem Debütroman die Geschichte eines taubstummen Jungen und seiner Hunde. In Amerika hat sich sein Buch mehr als eine Million Mal verkauft. Jetzt liegt es auf Deutsch vor - gerade rechtzeitig zu den Sommerferien.

          3 Min.

          Wer Hunde nicht mag und auch nicht an Geister glaubt, wer davon überzeugt ist, dass moderne Literatur auch ohne Anspielungen auf Shakespeare gut auskommt, wer auf Romane mit Prologen verzichten kann und misstrauisch wird, wenn der Wind und der Regen raunen und auch die Wälder ein Geheimnis bergen, das man nur mit dem Herzen enträtselt: der sollte „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ nicht lesen. Wer aber Romane über den großen Sommer Amerikas mag, in dem Kinder ausziehen und Mutproben bestehen, der muss David Wroblewskis Buch sofort kaufen. Eine Million andere haben es in den Vereinigten Staaten schon getan. Soeben ist der Roman des fünfzigjährigen Debütanten auf Deutsch erschienen – gerade passend für die langen Ferien.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In die gehört dieser Roman auch. Denn einmal aufgeschlagen, gibt man „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ nicht mehr aus der Hand. Zwar windet man sich unter den Stilblüten und der schmonzettigen Naturgeheimniskrämerei, den großen Weltformeln und ungeschickten Schlüsselszenen, aber man legt das Buch doch nur ungern weg. Und letztlich relativiert das wohl alle Einwände, die man gegen David Wroblewskis Buch vorbringen muss. Dass es zum Beispiel kaum einen Baum nur einen Baum sein lässt, dass es in seiner Hochsymbolik dem Leser kaum Luft für eigene Assoziationen lässt. Dafür wird ihm eine Geschichte erzählt, deren Ende er unbedingt erfahren will. Eine Familiengeschichte mit Mord, Flucht und Drama. Aber vor allem ist es die Geschichte eines Jungen und seiner Hunde.

          Ab in die Hundeschule

          Edgar ist stumm und wächst bei Mutter und Vater auf einer Farm in Wisconsin auf. Er benutzt die Hände, um sich verständlich zu machen, weswegen sein Nachname sprechend ist: Sawtelle, eine Mischung aus Sehen und Reden. Damit fängt es schon an, gleich auf dem Umschlag: Dieses störende Gefühl, auf jeder Seite des Romans könnte selbst das Nebensächlichste immer noch mehr bedeuten. Gleichzeitig verzettelt sich der Autor im Hundetraining, dass man schnell so müde davon wird, als hätte man selbst mitapportiert. An seinem ersten Roman hat David Wroblewski, der hauptberuflich Software entwickelt, gute zehn Jahre gearbeitet. Man merkt dem leicht autobiographischen Buch den Ehrgeiz an, eine Familiensaga zu schildern, die ewig gültig ist und in ihrer Konstellation bis hin zu den Vornamen auf „Hamlet“ anspielt: ein toter Vater, eine Witwe, die den Mörder in ihr Bett lässt, ein Sohn, der von allem weiß und verzweifelt.

          Aber „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist auch die von ganz besonderen Hunden, für die Wroblewski eine Wissenschaft samt Terminologie erfindet: Canis posterus, die nächsten Hunde, so werden sie einmal genannt, aufgezogen in einer Symbiose von Mensch und Tier, die weit über Liebe und Vertrauen hinausgeht. Die „Sawtelle-Hunde“ sollen wie ein Mix aus Pitbull und Schäferhund sein. Der Großvater hatte in den zwanziger Jahren begonnen, Tiere nach Charakter zu kreuzen, nicht nach Geblüt: Waren sie auffällig hellsichtig und patent, nahm er sie in die Stammtafel auf. Seine Söhne führen die Zucht fort. Der eine aber lässt sich nach dem Tod des Vaters ausbezahlen und geht davon, der andere gründet seine Familie auf der Farm. Sein Sohn Edgar wiederum schaut mit wachen Augen um sich, spricht aber nicht. Warum? „Bevor du auf die Welt gekommen ist“, sagt ein kleines Mädchen irgendwann zu Edgar, „hat Gott dir ein Geheimnis verraten, das keiner wissen darf.“

          Wenn Gewitterwolken reden könnten

          Fast alle Leute im Buch reden so poetisch, am meisten und am liebsten aber der Autor selbst: „Weit weg am fernen Rand der Welt“, so heißt es beim Showdown, als die Scheune der Farm brennt, „antworteten Gewitterwolken mit ihrem Glühen auf den Ruf des Feuers, doch wenn sie herankamen, würden sie nichts anderes zu bieten haben als eine Inspektion der verkohlten, schwelenden Gebeine.“ Nicht immer fabuliert Wroblewski auf den siebenhundert Seiten derart kitschig, aber je länger sein Buch dauert, desto häufiger. Es drängt ihn zum Esoterischen – und wenn er zum Beispiel die Hunde selbst erzählen lässt, ist das mitunter sogar originell. Oft wirkt es aber einfach verquast, etwa wenn Almondine, die Hündin an der Seite Edgars und die zweite Hauptfigur des Buches, über Autos sinniert: „Solange sie denken konnte, waren sie an ihrem Hof vorbeigefahren, Bekannte des Pick-ups, Tauscher des Empirischen, des Faktischen, des Mathematischen – Händler in nicht fassbaren Mengen. Längengrade und Azimute.“

          Weiterlesen über Kitschabgründe hinweg

          Aber man liest dann doch darüber hinweg, schüttelt diese Stellen ab, weil man wissen will, wie Edgar, der stumme Auserwählte, den Mörder seines Vaters überführt. Dazu muss er erst fliehen, in die Wälder, drei Hunde nimmt er mit. Als Edgar klein war, hatte sein Vater ihm das „Dschungelbuch“ vorgelesen, von Mogli, der unter Tieren aufwächst und von ihnen lernt: Das ist die zweite literarische Anspielung, mit der David Wroblewski seine eigene Geschichte erzählerisch zu verstärken sucht. Und wie bei „Hamlet“ hätte er das gar nicht gebraucht, ebenso wenig wie die zivilisationskritische Einsicht, dass Hunde nicht lügen, nicht morden, nicht tricksen – wenn der Mensch sie nicht dazu bringt.

          Auf seiner Flucht findet Edgar einen neuen Freund: einen Menschen, dem er sich zögernd anvertraut, wie es ein Hund täte, der zu oft verstoßen wurde. Edgar muss ihn wieder verlassen. Doch in der Freundschaft liegt das Geheimnis der „Geschichte des Edgar Sawtelle“. Und die kommt, ist sie stark genug, wie der Held dieses Abenteuers ohne Worte aus.

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