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Roman von David Grossman : Die Hölle von Goli Otok

Ort des Grauens: Die ehemalige Gefängnisinsel Goli Otok im heutigen Kroatien Bild: Imago

Kriegsbericht, Liebesgeschichte, Familienroman und in allem überwältigend: „Was Nina wusste“, der neue Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman.

          5 Min.

          Wer noch nie von der Insel Goli Otok gehört hat, wird sie jetzt nicht mehr vergessen. Die Insel nicht und all das nicht, was auf ihr geschehen ist, als im ehemaligen Jugoslawien Goli Otok ein Ort war, an dem politische Gefangene unter Tito im Umerziehungslager zu Zwangsarbeit im Steinbruch eingesetzt, gefoltert und getötet wurden.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der israelische Schriftsteller David Grossman erzählt in seinem neuen Roman „Was Nina wusste“ von einer Reise, die von Tel Aviv aus nach Kroatien auf diese Insel führt, die als „Titos Gulag“ bekannt war. Er sei auch selbst, so schreibt er es in seinem Nachwort, für seinen Roman dorthin gefahren, um die Geschichte zu erkunden, die Ruinen der Straflagerbaracken zu sehen, von denen ihm eine Frau erzählt hatte, mit der er eng befreundet war, die aber vor fünf Jahren im Alter von 96 Jahren starb: Eva Panić-Nahir, 1918 auf dem Balkan geboren, hatte zu denen gehört, die auf Goli Otok interniert waren. Sie hatte überlebt und ihre Geschichte dem Schriftsteller Danilo Kiš erzählt, der ihr im serbischen Fernsehen eine ganze Sendereihe widmete.

          Aber Eva, schreibt Grossman, wollte, dass auch er, David Grossman, über sie schrieb. Über sie und über ihre Tochter Tiana Wages, deren Vertrauen er ebenfalls gewann, so dass eine Erzählung entstehen konnte, die die Abgründe eines schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnisses nicht auslässt. In der Dokumentation von Kiš ist Eva Panić-Nahir, so sagt es Grossman selbst, das „Symbol für einen beinahe übermenschlichen Mut, für die Fähigkeit des Menschen, auch unter den entsetzlichsten Umständen Mensch zu bleiben“. Grossman nimmt ihr nichts davon. Durch die Geschichte der Tochter fügt er – der große Spezialist für Brüche, Traumata, Flucht und Verdrängung, schonungslos wahrheitssuchend und dem Menschen dabei maximal zugewandt – ihr allerdings etwas hinzu, das die Mutter lange nicht hatte aussprechen wollen. Etwas, das sie vor allem vor ihrer Tochter glaubte verbergen zu müssen, obwohl diese es längst wusste. Im Roman heißt die Figur, die Eva Panić-Nahir zum Vorbild hat, Vera; die Tochter Tiana heißt Nina. Und das Geheimnis ist: „Was Nina wusste“.

          Der Beginn allerdings gehört Gili, Ninas Tochter, Veras Enkelin, 39 Jahre alt. Sie arbeitet als Skriptgirl und Filmemacherin und beschließt am 90. Geburtstag ihrer Großmutter, der im Kibbuz mit einem großen Familienfest gefeiert wird, einen Film über sie zu machen. Die erste Quelle für die Realisierung dieses Vorhabens ist dabei nicht die Großmutter selbst und schon gar nicht ihre Mutter, die für Gili immer eine Abwesende gewesen ist, die nicht da war, nie, schon gar nicht, wenn sie sie brauchte. Die erste Quelle und Bezugsperson für Gili ist ihr Vater Rafael, den sie schon immer ausgefragt hat über die Familienverhältnisse und der ihr die Antworten nicht schuldig blieb.

          Rafael war im Winter 1962 fünfzehn Jahre alt, als seine Mutter starb. Ein Jahr später begegnete sein Vater, jetzt Witwer, Vera, die aus Jugoslawien nach Israel gekommen war, und sie zogen zusammen. Vera war mit ihrer einzigen Tochter Nina nach Israel eingewandert, die siebzehn war. Sie hatte helles Haar, „und ihr langes, bleiches Gesicht war sehr schön, aber beinahe ausdruckslos“. Rafaels Klassenkameraden nannten sie „Sphinx“, liefen ihr heimlich hinterher, machten ihren Gang nach, imitierten ihren hohlen Blick. Doch war Rafael ihr da längst verfallen und wie besessen von der Idee, dass er ihr Retter sein könnte: „Wenn Nina bereit wäre, auch nur einmal mit mir zu schlafen“, dachte er, „würde der Ausdruck in ihr Gesicht zurückkehren.“ Nina schien aber keinen Retter zu brauchen: Die Jungen, die ihr folgten, schlug sie kurzerhand zusammen, mit einer Gewalt, die es vorher im Kibbuz nicht gegeben hatte. Gerüchte machten die Runde. „Man erzählte, als ihre Mutter politische Gefangene im Gulag und Nina noch ein kleines Mädchen war, habe sie auf der Straße gelebt.“ Ihr Ausdruck kehrte nicht in ihr Gesicht zurück, auch nicht als Nina und Rafael schließlich ein Kind bekamen: Gili.

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