https://www.faz.net/-gr3-a2dfu

Roman von David Grossman : Die Hölle von Goli Otok

Lässt sich die Vergangenheit erzählend korrigieren?

Beim 90. Geburtstag von Vera taucht Nina, die schon lange in möglichst großer Entfernung vom Rest ihrer Familie lebt, auf und erzählt den anderen, dass sie Alzheimer habe. Getrieben von der Angst, ihre eigene Geschichte zu vergessen, nicht mehr zu wissen, wer sie ist, überredet sie Rafael und Gili, mit ihr und Vera von Tel Aviv nach Kroatien zu fliegen, um Vera die Gelegenheit zu geben, ihre ganze Geschichte zu erzählen, die auch Ninas Geschichte ist. „Ich habe gedacht“, sagt sie, „einmal müssen wir das von ihr alles der Reihe nach hören, vom Anfang bis zum Ende, was dort wirklich passiert ist.“ „Wo?“, fragt Rafael. „Auf der Insel Goli Otok.“ Sie will Fakten schaffen, die sie sich, sollte sie sich aufgrund der Krankheit womöglich schon bald an nichts mehr erinnern, ansehen kann und die ihr sagen werden, wer sie ist. Gili übernimmt die Filmarbeiten.

Der israelische Schriftsteller David Grossman
Der israelische Schriftsteller David Grossman : Bild: Claudio Sforza

David Grossman hat vor zehn Jahren seinen atemberaubenden Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ geschrieben, ein Epos über Israel: vom Sechs-Tage-Krieg über den Jom-Kippur-Krieg bis hin zum Libanon-Feldzug. Er erfand darin eine Frau, deren Sohn sich freiwillig für den Kriegsdienst verpflichtet und die eine Vorahnung hat, dass er sterben wird. Um den Sohn zu schützen, beschließt sie, nicht zu Hause zu sein, wenn die Überbringer der Nachricht seines Todes kommen werden. Eine Nachricht gebe es schließlich nur, wenn es auch einen Empfänger gebe, denkt sie und begibt sich auf eine Wanderung durch Galiläa, die sie eigentlich mit dem Sohn hat machen wollen, überredet einen Freund, mit ihr zu kommen, und erzählt diesem Freund von ihrem Sohn – um ihn am Leben zu halten.

Und im Grunde knüpft Grossman mit „Was Nina wusste“ jetzt an diese Erzählkonstruktion an – genauso umwerfend und atemberaubend –, nur mit einer anderen Frage: Es gebe einen bekannten Film, der Titel falle ihr gerade nicht ein, stellt Gili zu Beginn des Romans fest, in dem der Held in die Vergangenheit zurückkehrt, um dort etwas zu korrigieren, „um einen Weltkrieg zu verhindern oder so“. Es ist das Thema des Romans: Lässt sich die Vergangenheit erzählend korrigieren?, fragt David Grossman. Denn in Veras Leben gibt es einen Fehler, der für ein ganzes Leben reicht. Es geht um Verrat an ihrer eigenen Tochter, als diese noch ein Kind war.

Hatte sie eine Wahl?

Grossman lässt seine Figuren zusammen nach Goli Otok reisen. Er lässt Vera vom Lager erzählen, in das nach dem Bruch des Tito-Regimes mit der Sowjetunion jene interniert wurden, die man für Anhänger Stalins hielt. Sie erzählt, wie sie oben auf einem Felsen der Insel in der brennenden Sonne ohne Kopfbedeckung und ohne Wasser bewegungslos und blind ausharren musste, Tag für Tag, um einem von der Kommandantin gepflanzten Setzling Schatten zu spenden. Es sind unvergessliche Szenen. Sie erzählt aber auch von ihrer großen Liebe zu Miloš, ihrem ersten Mann, dem Vater von Nina. Es ist eine erfüllte und zuletzt tragische Liebe zwischen ihr, der Jüdin, und ihm, dem Serben, beide engagierte Kommunisten. Nach dem Weltkrieg wird Miloš der Kollaboration mit Stalin beschuldigt und nimmt sich im Gefängnis das Leben. Vera wird verhaftet, kommt nach Goli Otok und lässt ihre Tochter Nina allein zurück.

Hatte Vera, was Nina angeht, eine Wahl? Oder musste sie sie zurücklassen? Auf Goli Otok hoffen Gili und Rafael, dass die 90-Jährige die Geschichte aus der Erinnerung noch einmal anders erzählen und die Vergangenheit korrigieren könnte, um Nina von jenem Trauma zu befreien, das innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Denn so wie Vera für Nina keine Mutter sein konnte, konnte es Nina auch nicht für Gili sein. Und Gili, die bald 40 wird, fragt sich, ob sie unter diesen Voraussetzungen überhaupt ein Kind in die Welt setzen sollte.

Harte Wahrheit

Schon in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ konnte die Mutter das Leben des Sohnes, das sie erzählend schützen wollte, nicht retten. Und auch jetzt – alles andere würde zu Grossman nicht passen – entkommt keine der Figuren der Härte der Wahrheit. Doch schafft die Erzählung selbst eine Unterbrechung, die dem über Generationen weitergegebenen Trauma Einhalt gebieten kann. „Was Nina wusste“ ist alles auf einmal: Kriegsbericht, historische Rekonstruktion, Liebesgeschichte und Familienroman und in jeder Hinsicht überwältigend. David Grossman ist einfach der größte lebende Schriftsteller.

Weitere Themen

Ein Koffer in Berlin

Neuer Jan-Seghers-Krimi : Ein Koffer in Berlin

Adieu, Marthaler: Matthias Altenburg hat wieder einen Jan-Seghers-Krimi geschrieben. Mit neuem Ermittler, der Teil einer Berliner Sondereinheit ist. Am Dienstag stellt er ihn live aus Frankfurt vor.

Rituale des Abschieds

„Neben der Spur“ im ZDF : Rituale des Abschieds

So viel Atmosphäre und Gebrochenheit sind selten im Krimifach: Ulrich Noethen ist wieder einmal „Neben der Spur“. Der neuste Teil der Krimireihe dreht sich mehr um das Leben als um den Fall.

Topmeldungen

Mitglieder der amerikanischen Nationalgarde vor dem Kapitol in Washington

Impeachment : Anklage gegen Trump im Senat verlesen

Bei einer Verurteilung im Senat droht Donald Trump eine lebenslange Sperre für das Präsidentenamt. Sein Nachfolger Joe Biden glaubt aber nicht, dass es so weit kommt.
Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.