https://www.faz.net/-gr3-767vl

David Grossmann: Aus der Zeit fallen : Wir sind nicht die Opfer unserer Angst und Trauer

  • -Aktualisiert am

Meister des Schmerzes: David Grossman Bild: picture alliance / dpa

Ein Schmerz, schlimmer als rostige Nägel im Mund: Mit „Aus der Zeit fallen“ hat David Grossman ein bewegendes, zutiefst humanes Buch über den Verlust geschrieben.

          4 Min.

          Wenn jemand stirbt, lautet die erste Frage meist: woran? Wir wollen wissen, welcher Krankheit, welchem Unfall, welch ungeheurer Ungerechtigkeit wir die Schuld geben können. Denn wenngleich der Tod unvermeidlich ist, so war es der Zeitpunkt seines Eintritts vielleicht nicht. Das gilt in besonderem Maße, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt und die natürliche Ordnung der Welt aus den Angeln gehoben wird.

          Uri, der jüngste Sohn des israelischen Schriftstellers David Grossman und seiner Frau, der Kinderpsychologin Michal Grossman, wurde am 12.August 2006 während des Libanon-Krieges von einer Rakete der Hizbullah getötet. Er war gerade zwanzig Jahre alt. Mit ihm zusammen starben die drei Männer seiner Panzerbesatzung. Zwei Tage danach trat die Waffenruhe in Kraft.

          Die Zeit steht im unverdienten Ruf, alle Wunden zu heilen. Vielleicht heißt David Grossmans unendlich trauriges, wunderbar weises, zärtliches und untröstliches Werk über den Verlust eines Kindes darum „Aus der Zeit fallen“. Denn wenn der Tod sein Opfer aus der Zeit reißt, deren Autorität einem gerade alles kindliche Wachsen und Werden so nachdrücklich vorführt, dann möchten auch die Eltern die Uhren anhalten, aus Furcht, sonst von jeder Minute und Stunde unweigerlich Stück um Stück fortgetragen zu werden von der Vertrautheit mit geliebten Toten. Wie sonst könnte jemand „einen ganzen Moment lang vergessen, was ihm eingebrannt, was ihm eingegrämt ist?“

          Ein namenloses Paar

          „Aus der Zeit fallen“ soll man, dem Wunsch des Autors folgend, langsam lesen. Anders kann man seine Intensität auch kaum aushalten. Was dieses Buch ist, lässt sich nicht leicht fassen. „Aus der Zeit fallen“ ist antike Tragödie und modernes Hörspiel, Gebet und Klagelied in einem. Doch es braucht keine Gattung, denn es besitzt eine Zeiten und Genres sprengende Gültigkeit. In großen Teilen liest es sich wie ein Prosagedicht, obwohl es fast ausschließlich aus wörtlicher Rede besteht. Im hebräischen Original sind die Zeilen, wie die Übersetzerin Anne Birkenhauer in einer aufschlussreichen Nachbemerkung erklärt, noch kürzer, und das Schriftbild wirkt noch fragmentarischer. Der neunundfünfzigjährige Romancier David Grossman, der beim Radio begonnen hat, hat eine ganz eigene Form für die Annäherung an einen menschlichen Urschmerz gefunden.

          Alle, denen David Grossman hier eine Stimme gibt, haben ein Kind verloren. Das Buch kreist um ein namenloses Paar, das seit dem Tod des Sohnes vor fünf Jahren „ohne Worte, ohne Farben/das Negativ des Lebens“ leben muss. Zu Beginn sitzen die beiden zusammen und erinnern sich an den Augenblick, in dem sie jene Nachricht empfingen, die ein Loch in das Netz der Zeit brannte. Doch dann springt der Mann auf und geht hinaus. Er geht ums Haus, ums Dorf, zieht immer weitere Kreise. Dem Wanderer schließen sich nach und nach andere untröstliche Eltern an, die im Gehen auftauen aus ihrer eisigen Stummheit und deren Klage anschwillt zu einem Chor.

          Trauer macht einsam

          Da ist die Hebamme, die ihr Leid über die als Kleinkind gestorbene Tochter zunächst nur stotternd mitteilen kann, und ihr Mann, der verschlossene Schuster, der seinen Schmerz als zehn rostige Nägel im Mund trägt. Da sind der Rechenlehrer, der über das Vierteljahrhundert der Trauer zum Greis geworden ist, und die Netzflickerin vom Hafen, die irr geworden ist an ihrem Verlust. Und dann ist da der graugelockte Zentaur, ein mit seinem Schreibtisch verwachsener Schriftsteller, der wild und ungestüm dem immer wieder anklopfenden Chronisten der Stadt entgegentritt: „Dann schreib jetzt bitte, in Riesenbuchstaben: Ich muss es von Neuem erschaffen, in Form einer Geschichte!“ Denn „nur so kann ich mich ihm irgendwie nähern, diesem verfluchten Etwas, ohne dabei draufzugehen, kapiert?“ Der Chronist der Stadt wiederum, der im Auftrag des Herzogs Informationen über dessen Reich sammeln soll und dabei keine Einzelheit unterschlagen darf, ist ebenfalls ein Gezeichneter, zusammen mit seiner Frau: „Die vergehende Zeit schmerzt. /Ich verlor die Fähigkeit,/mich einfach und natürlich in ihr zu bewegen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Krise bei den Tories : Schach dem Paten

          Neue Vorwürfe gegen Boris Johnson: Diesmal sollen seine Leute Abgeordnete „eingeschüchtert“ haben, die sich für ein Misstrauensvotum stark machen. Ein Liberaldemokrat spricht von „Mafia-Methoden“.
          Viele Menschen werden nervös, wenn sie vor anderen sprechen müssen. Doch diese Angst kann auch helfen.

          Große Auftritte im Beruf : Was gegen Lampenfieber helfen kann

          Lampenfieber betrifft viele, die vor Publikum sprechen müssen – auch viele Führungskräfte. Doch dagegen gibt es Hilfe und die Erkenntnis: Die Auftrittsangst kann sogar leistungsfördernd sein.