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David Grossman: Eine Frau flieht vor einer Nachricht : Wenn die Söhne in den Krieg ziehen

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Bild: Verlag

Die Angst mit tausend Erinnerungen überschreiben: In einer bewegenden Symphonie der Stimmen erzählt der israelische Autor David Grossman von den inneren Konflikten jenseits des großen politischen Konflikts.

          5 Min.

          David Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist eine der großen, bleibenden Lektüren dieses Herbstes. Denn der 1954 in Jerusalem geborene Autor hält den täglichen Schlagzeilen über den Nahost-Konflikt das Versprechen der Literatur entgegen – und löst es ein.

          In Grossmans Werken geht es oft um ein nicht ganz ungefährliches Spiel: um das Ausloten von Persönlichkeitsgrenzen. Wie nah kann man einander sein, wie viel Distanz muss man wahren? Jair, ein Mann Anfang dreißig, schreibt Briefe an eine Frau, die er nur einmal gesehen hat. Er hofft nicht auf eine Antwort: Seine Sehnsucht gilt dem leeren Raum, also der mächtigen Projektionsfläche zwischen den Menschen. Zu wissen, wo der andere beginnt, heißt zu wissen, wo man selbst endet. Die Vorstellung eines unbespielten Raumes, eine haltlose Utopie: nicht nur, aber auch ein israelisches Thema.

          Eine Socke, ein Brief, ein umgekehrtes Buch

          In „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ erleben wir die Panik einer Mutter, die ihren Sohn zum Sammelplatz begleitet, von wo er in den Krieg ziehen wird: auch das eine israelische Erfahrung. Freiwillig hat der junge Mann sich zum Militäreinsatz im Westjordanland gemeldet. Von ihm bleiben in seinem Zimmer eine Socke, ein Brief, ein umgekehrtes Buch am Boden zurück. Was, fragt sich die Mutter, ist der letzte Satz, den er gelesen hat? Schon stellt sie sich das Klopfen an der Tür vor, wenn man ihr die Nachricht von seinem Tod überbringt. Doch sie entscheidet sich zu gehen, nicht zu warten. Wie David Grossman die zurückgelassene Frau namens Ora im Laufe einer langen Wanderung die Splitter der letzten zwanzig Jahre behutsam aufheben lässt, ist ein beispielloser Akt der Auseinandersetzung mit der eigenen Ohnmacht. Am Ende weitet sich der Blick, obwohl die Bedrohung bleibt. In einer bildmächtigen Prosa beschreibt der Roman den Versuch, die Angst mit tausend winzigen Erinnerungen zu überschreiben, wenn auch nie zum Verschwinden bringen zu können. Mit Ora hat Grossman eine launische, sinnliche, ergreifende Lichtfigur ins Zentrum gerückt, die sich mit Hilfe der Erinnerung und Imagination gegen die Vereinnahmung durch zu viel Wirklichkeit sträubt. Durch ihre Augen nimmt der Leser den politischen Konflikt in seiner ganzen Schärfe wahr.

          David Grossman begann mit der Arbeit an diesem Roman, kurz bevor sein erstgeborener Sohn Jonathan den Militärdienst beendete und Uri, der Jüngere, einberufen wurde. Mit ihm hat er viel über das Buch und die Figuren gesprochen. „Was hast du ihnen diese Woche wieder angetan?“, fragte der Sohn oft. In den letzten Stunden des zweiten Libanon-Krieges am 12. August 2006 wurde er getötet.

          Familie gibt es nur als Vergangenheit

          „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ beschreibt eine israelische Wirklichkeit, wie sie Generationen prägt. Der Konflikt um die besetzten Gebiete wurde von vielen israelischen Autoren als literarisches Thema lange gemieden. Grossmans Novelle „Das Lächeln des Lammes“, 1983 erschienen, gilt als eine der ersten hebräischen Erzählungen dazu. Später begann auch er, die neben Amos Oz und Abraham B. Jehoshua wichtigste Stimme im Land, fein zwischen politischen Artikeln und Literatur zu trennen. Dennoch flossen seine Visionen und Reflexionen stets auch in seine Figuren: störrische und stürmische Kinder oder versonnene Heranwachsende, fremd im eigenen Leben, jedoch immer im Gespräch oder wenigstens im Selbstgespräch. Niemals zuvor aber hat Grossman israelische Wirklichkeit und die intime Atmosphäre von Familienleben so zwingend erzählerisch aufeinander bezogen wie jetzt.

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