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David Foster Wallace: Unendlicher Spaß : Medusa in der Selbsthilfegruppe

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Bild: Verlag

Das Warten hat sich gelohnt. Dreizehn Jahre nach seinem Erscheinen in Amerika erscheint nun der monumentale Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace in deutscher Übersetzung - ein „Mann ohne Eigenschaften“ des 21. Jahrhunderts.

          Wenn man über Romane sagt, ihre Lektüre entschädige für die Anstrengung, sie sei eine Arbeit, die sich auszahlt und belohne die Hartnäckigkeit und Geduld des Lesers, oder welche der Kritikerphrasen mehr sind, dann lächeln die Verleger und ihre Pressedamen meist tapfer, obgleich sie wissen: Mit solch vergiftetem Lob werden sie kein Stück davon verkaufen. Wer mag sich schon gern selbst quälen?

          Doch was tun mit einem Buch, das schon auf dem Umschlag mit dem Leser einen üblen Scherz zu treiben scheint? „Unendlicher Spaß“ heißt da ein Roman, der doch allein schon ob seines schieren Umfangs von tausendfünfhundert Seiten unendliche Mühe verspricht. Soll man das etwa lustig finden, wenn man weiß, dass der Übersetzer jahrelang an der Eindeutschung seiner langen, irrwitzig verschachtelten Satzgebilde gearbeitet hat (Ausweitung der Literatursprache: zur Übersetzung von David Foster Wallaces' „Unendlicher Spaß“), dass der sprachverliebte Autor ein Faible für die Verwendung seltener, in keinem Wörterbuch zu findender Fremd- und Fachwörter hatte, dass das Buch Hunderte von Anmerkungen enthält, die sich insgesamt über 130 Seiten erstrecken und weitere Fußnoten enthalten? Soll das ein Witz sein?

          Ein Roman über den Entwicklungsstand unserer Kultur

          David Foster Wallace, der genialische Autor dieses Werks, der sich nach jahrelangen Depressionen im vergangenen September das Leben nahm, war ein ernsthafter Mensch, unendlich ernsthaft, möchte man heute, nach seinem traurigen Ende, sagen. „Infinite Jest“ ist ein moralisches, ja moralistisches Buch über den gegenwärtigen American way of life und damit über den Entwicklungsstand unserer Kultur. Es ist ein Buch über die Leere im innersten Zentrum unserer Gesellschaft, die der Einzelne mit Süchten, Zerstreuungen, Obsessionen und Unterhaltungen aller Art ersatzweise füllt und so verdeckt und verdrängt. Unendlicher Spaß ist das Codewort einer düsteren Zukunftsvision, als Endpunkt menschlicher Evolution bedeutet er den Tod der Kultur und den Tod des Subjekts – und zwar in einem ganz konkreten, nicht übertragenen Sinne. Dieses anstrengende, schwierige, die Geduld des Lesers strapazierende Buch mit dem Titel „Unendlicher Spaß“ ist ein Gegengift.

          Oberflächlich betrachtet ist „Infinite Jest“ ein Science-Fiction-Roman, er spielt überwiegend in einer (beim Erscheinen des Originals 1996) nahen Zukunft, die ungefähr dem Jahr 2009 entspricht, in einem leicht, aber entscheidend modifizierten Nordamerika. Die Vereinigten Staaten haben sich mit Kanada und Mexiko zur „O.N.A.N.“, der „Organization of North American Nations“, vereinigt, in dem allerdings Teilen der Ostküste vor allem Kanadas die undankbare Rolle einer gigantischen Deponie hochradioaktiven Giftmülls zukommt. Dieses „experialistische“ Staatsgebilde wird von einem ehemaligen Schlagersänger namens Johnny Gentle regiert; da man durch neue technische Entwicklungen in der Energieversorgung unabhängig ist, muss man sich um Außenpolitik nicht kümmern. Um die Steuereinnahmen zu erhöhen, hat man den Kalender an Sponsoren verkauft, man lebt im „Jahr des Whoppers“ oder im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ (in dem die Rahmenhandlung spielt). Ein Terrorismusproblem gibt es auch in dieser postfossilen Welt: Verschiedene québécois-kanadische Separatistengruppen wollen durch Anschläge die Unabhängigkeit erzwingen. Die gefährlichste unter ihnen sind die grotesk-unheimlichen „Assassins des Fauteuils Rollents“, die „Rollstuhlattentäter“.

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