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David Foster Wallace: The Pale King : Die Sinnlosigkeit des Glücks

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

In seinem nachgelassenen Romanfragment „The Pale King“ entwirft David Foster Wallace eine Jahrhundertfigur: einen Mann, der sich nicht langweilen kann. Damit gelingt ihm ein Glanzstück amerikanischer Prosa.

          In David Foster Wallaces Romanfragment „The Pale King“, das im April im amerikanischen Verlag Little, Brown erschien, gibt es eine Figur, die sich, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, als neue archetypische Figur in die Weltliteratur einfügen müsste. Allerdings ist sie nur eine Nebenfigur, sie lebt gerade einmal 65 Seiten lang, für die Dauer des magischen Kapitels „§46“ gegen Ende des Buches. Ihr Name: Shane Drinion. Eine Gestalt aus einem Denkuniversum, das erst in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren entstehen konnte, ein Konzentrationsgespenst, abstrakt und unmenschlich und dabei gleichzeitig intim und vertraut wie die eigenen fünf Sinne.

          Aber diese Figur wird wahrscheinlich übersehen werden, Shane Drinion wird sich zu den anderen Bewohnern des Romans gesellen. Denn er fügt sich mühelos unter seinen Gefährten ein, die ja alle in gewisser Hinsicht dasselbe Problem haben: Langeweile. Über diese Tatsache wurde bereits beim Erscheinen des Buches ausführlich berichtet (F.A.Z. vom 6. April). Die einzelnen, miteinander nur lose zusammenhängenden Kapitel des Buches konzentrieren sich auf verschiedene Spielarten menschlicher Reaktionen auf Langeweile, auf Strategien, mit ihr umzugehen, Auswege, Träumereien. Sogar eine Figur namens David Wallace begegnet ihr, in einigen selbstironisch auf hohen Fußnotenwellen daherschwimmenden Kapiteln, er sieht Menschen in Räumen, die unbeweglich auf ein Blatt Papier starren, ein Blick in den innersten Kreis der Hölle. Wir lernen ihn und andere Angestellte der Steuerbehörde in Peoria, Illinois (IRS), als Kinder, Jugendliche und Studenten kennen, wir erleben Besuche von Gespenstern, die selbst noch im Jenseits über das Konzept der Langeweile nachgrübeln, wir erleben unkontrolliert schwitzende und sich manisch selbst beobachtende Menschen in Orientierungs- und Einführungsgesprächen, stille Zusammenbrüche in Nebenzimmern, nur flüchtig beobachtet von Mitarbeitern, schreckliche Kindheitstraumata aus einer trostlosen Trailer-Park-Existenz, widerhallend in stillen Büroräumen.

          Glanzstück amerikanischer Prosa

          All das ist eine gute Vorbereitung des Lesers auf das Kapitel „§46“. Es spielt in einem Lokal namens „Meibeyer's“, in das viele IRS-Angestellte nach der Arbeit gehen, und es besteht fast ausschließlich aus dem Gespräch zwischen Drinion und einer gewissen Meredith Rand. Nachdem ich es fünfmal, einmal davon sogar laut, gelesen habe, bin ich davon überzeugt, dass es - wenn, wie gesagt, alles mit rechten Dingen zugeht - als eines der Glanzstücke amerikanischer Prosa in die Literaturgeschichte eingehen wird. In seiner enigmatischen Pracht ist es auf einer Stufe mit Benjys Kapitel in William Faulkners „The Sound and the Fury“, der Liebesszene in Harold Brodkeys „Innocence“ und der kleinen Geschichte von der unsterblichen Glühbirne „Byron“ in Thomas Pynchons „Gravity's Rainbow“.

          Shane Drinion gilt als „a very solid Fats and Scorp examiner but a total lump in terms of personality, possibly the dullest human being currently alive“. Das Auftreten dieses womöglich fadesten lebenden Menschen wirkt unbeteiligt, aber immer konzentriert. Er hört jedem, der spricht, mit gleicher Aufmerksamkeit zu. Ihm gegenüber sitzt Meredith Rand, eine Angestellte der „Problem Resolution“-Abteilung. Sie ist eine umwerfend hübsche Frau, die genau weiß, dass alle Männer im Raum gequälte Blicke auf sie werfen. Sie beginnt ein Gespräch mit Drinion. Small Talk, nichts Besonderes. Sie spielt vielleicht ein bisschen mit ihm, erzählt ihm, dass sie ihn interessant findet. Gerade ihn, der nie von irgendjemandem interessant gefunden wird. Er registriert es als Kompliment - und analysiert auf eine respektvolle, freundliche Art die Beweggründe, die sie haben könnte, ihm so etwas zu sagen.

          Eine Art Anti-Bartleby

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