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David Foster Wallace: Am Beispiel des Hummers : Der Schaum vom Glas der Lebensfreude

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Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace setzte auch für den Essay und die literarische Reportage Maßstäbe. Dem Leiden des Hummers hatte er einen Text gewidmet, der jetzt auf Deutsch erscheint.

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          Der Mensch funktioniert im täglichen Leben nur deshalb einigermaßen gut, weil er nicht mehr alle Informationen, die auf ihn einstürmen, ständig gleichzeitig und von Grund auf verarbeiten muss. Er hat gelernt, dass bestimmte Dinge so oder so funktionieren, er hat gelernt, mit Widersprüchen umzugehen und die Bedeutung von Dingen zu gewichten. Wenn man so will, hat er gelernt, seine Sensibilitäten einzuschränken und einen für sich gangbaren Kompromiss zu finden. Die Frage ist, wie viel Rückkoppelung an die Realität dieses System braucht oder verträgt. Wie fremd wird ihm die Welt, wenn er den einmal gefundenen Kompromiss stur weiterverfolgt, und wie viel aufmerksame Rückkoppelung verträgt er, ohne daran zu zerbrechen ?

          David Foster Wallace, der vermutlich in der Folge einer schweren depressiven Erkrankung im letzten September durch Freitod aus dem Leben geschiedene amerikanische Schriftsteller, hatte sich das Leben nicht leichtgemacht. „Consider the lobster“ heißt eine 2005 veröffentlichte Sammlung von Essays, aus der man nun den namengebenden Aufsatz unter dem hervorragend übersetzten Titel „Am Beispiel des Hummers“ (Arche Paradies) herausgegeben hat.

          Intensiver moralischer Diskurs

          Der Ausgangspunkt ist sehr einfach. Wallace sollte für das amerikanische „Gourmet“-Magazin eine Geschichte über das „Maine Lobster Festival“ schreiben. Anfangs kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei dort ein Sprössling aus besseren Kreisen mit den Niederungen der Massengourmandise in Kontakt gekommen. „Es gibt“, heißt es da, „gemessen an der Sauerei, die so ein Hummer verursachen kann, einfach zu wenige Servietten.“ Und: „Das alles sind Kleinigkeiten, aber das Hummerfest von Maine wartet ständig mit solchen Misshelligkeiten auf, dazu angetan, einem den Schaum vom Glas seiner Lebensfreude zu blasen.“ Nach weiteren Erregungen über „Dixie-Klos“ und den Tourismus insgesamt gerät er dann unversehens an seine Kernfrage: „Ist es eigentlich in Ordnung, aus reiner Freude am Genuss ein fühlendes Wesen in einen Topf mit kochendem Wasser zu werfen?“

          Was nun beginnt, ist ein intensiver Diskurs über diese Frage, zerrissen zwischen den Positionen, ohne Lösungsvorschläge und immer wieder verstrickt in neue Widersprüche – menschlich-kulinarisches Denken in Reinkultur also, das in dieser Form allerdings wohl selten stattfindet. Wallace aß durchaus gerne Fleisch und anderes Getier. Er wollte nicht moralisieren, und die Aktivisten von PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) waren im ein Greuel, weil sie sich „schnell als doktrinäre Fanatiker mit einem allzu selbstgerechten Schwarz-Weiß-Denken“ erweisen.

          Gegen Schlachtphantasien

          Er diskutiert alle möglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf der Suche nach einem Beweis für die Schmerzempfindung des Hummers und stellt ernüchtert fest, dass uns „die Schmerzen anderer Lebewesen . . . grundsätzlich verschlossen“ bleiben. Auch in ihrer Logik durchaus hinterhältige Zwischenlösungen wie die, dass man Tiere, die man isst, wenigstens selber töten können müsse, lässt er nicht gelten und nennt sie eine „verschwurbelte, geradezu indianisch gefärbte Jagd- und Schlachtphilosophie“. Ist am Ende, so fragt sich Wallace, unser Verhalten gegenüber den Tieren ein Überbleibsel römischer Vergnügen am Gladiatorenkampf oder der „Pöbelbelustigung“ des Mittelalters bei öffentlichen Hinrichtungen ?

          Nein, so weit in den kulturellen Bereich will er nicht gehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil er die „tief verwurzelte Überzeugung“ hat, „dass Tiere nie so wichtig sein können wie Menschen“. Und weil Wallace keine überzeugende Lösung findet, rudert er am Ende etwas zurück. Den Lesern gibt er schließlich die vorsichtige Frage mit: „Sollten Geschmack und ästhetische Präsentation alles sein, was einen Feinschmecker interessiert?“

          Verstrickt in Emotionen

          David Foster Wallace war kein Moraltheologe oder Philosoph, er war Reporter und, vor allem, Schriftsteller, jemand, der Eindrücke aufsammelt, reagiert, stellvertretend in Worte fassen kann und dabei auch sorgfältig Informationen der verschiedensten Quellen einarbeitet. Was er in diesem Falle vergaß, war eine tiefer gehende, kritische Betrachtung der eigenen Position. In gewisser Weise war er zu nah dran, zu sehr verstrickt in zwiespältige emotionale Reaktionen. Das Postulat der Widerspruchsfreiheit, das die meisten Religionen und Denksysteme durchzieht, war wohl auch für Wallace unumstößlich. In diesem Essay produzierte er Emotionen ohne jeden Ansatz von Lösungen und lag mit diesen Sensibilisierungen ganz auf der Linie des modernen Menschen, der sich gerne hin und wieder einmal ein verbales moralisches Mäntelchen umhängt.

          Tatsächlich leben wir jeden Tag in einem riesigen Geflecht von Widersprüchen. Die Suche nach klaren Lösungen ist die Suche nach einer Autorität, die es in vielen Bereichen des menschlichen Lebens nicht gibt und vielleicht auch besser nicht geben sollte. Wenn es das ist, was uns Wallace wortlos im Hintergrund vermitteln wollte, hat er seine Arbeit gut getan. Für die Sache mit dem Hummer – einmal angenommen, die Einwände der Neurophysiologen stimmen – könnte man einmal über bestmöglichen Transport, Haltung und garantierten Sekundentod nachdenken. So etwas hätte unter Umständen mehr Moral als ein inkonsequenter Diskurs.

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